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Marti n Mutschmann und Manfred von Ki lli nger 25 Killingers Wende zum Rechtsradikalismus vollzog sich direkt 1919: Durch das Kriegsende und die hierdurch bedingte Auslieferung der Kriegsflotte verlor der Torpedobootkommandant sein Schiff und jegliche beruflich-militärische Perspektive. Er, der – wie viele andere Offiziere – in den »roten« Kapitulanten die eigentlichen Hintermänner der Niederlage erblickte, heuerte bei der Marinebrigade Ehrhardt an, um sozialistisch-kommunistische Aufstände (wie im Früh- jahr 1919 in Bayern) mit militärischer Gewalt zu ersticken. 10 Bevor sich die Wege beider Protagonisten kreuzten, hatten sie in unterschiedlichen Organi­ sationen »erfolgreiche« rechtsradikale Karrieren verwirklicht: Der rhetorisch und intellektuell eher blasse Mutschmann setzte sich in der sächsischen NSDAP dank früher Verbindungen zu Hitler und finanzieller Ressourcen,durch brutalenMachtinstinkt und Organisationsgeschick rasch durch. 1925 bestätigte ihn Hitler als sächsischen Gauleiter der Partei, deren organisatorischen Auf- und Ausbau er weiterhin von Plauen aus betrieb, wo sich der Sitz der Gauleitung befand. 11 Killinger war zu dieser Zeit als rechtsradikaler Terrorist schon einschlägig bekannt:Nach der erzwungenen Auflösung der Marinebrigade Ehrhardt hatte er zumharten Kern der illegal weiter existierenden Umsturzzelle gezählt, die jetzt als »Organisation Consul« (OC) traurige Berühmt- heit erlangte. Mit gezielten Attentaten auf Politiker der jungen Republik versuchte sie das ver- hasste politische System sturmreif zu schießen. Es war Killinger, der den Befehl zur Ermordung des bekannten demokratischen Politikers Matthias Erzberger gab; 12 zwei Jahre später (1922) war er wiederum in das Attentat auf Reichsaußenminister Walter Rathenau verstrickt. Doch eine nachhaltige juristische Aufklärung blieb aus: Eine aus der Kaiserzeit überkom- mene Justiz behandelte dieMörder zumeist als »Patrioten«, sodass auch Killinger für seine Taten nur für wenige Monate hinter Gefängnismauern kam. Als Landesleiter des Bundes Wiking, wie sich die OC nun nannte, organisierte er auch weiterhin paramilitärische Einheiten in Sachsen, Thüringen und Schlesien. Am 1.Mai 1928 trat er schließlich mit seinen Anhängern der NSDAP in Sachsen bei und avancierte hier zum hauptamtlichen SA-Führer. Entscheidende Gründe für diese Kräftebündelung dürften in dem sächsischen Verbot des Bundes Wiking (1927), seiner nachlassenden Attraktivität im rechtsradikalenMilieu und der Suche der in Sachsen noch kaum entfalteten SA nach geeigneten Führern und Anhängern gelegen haben. 13 Macht und Verbrechen Killingers Entschluss, an hervorgehobener Position in die Bürgerkriegsarmee der NSDAP zuwech- seln, sollte sich – an der Schwelle zur Weltwirtschaftskrise – für ihn als glückliche Fügung erwei- sen: Noch Anfang 1929 stieg er zumChef der sächsischen SA, 1931 zumChef der SA-Gruppe Mitte und 1932 zum Inspekteur Ost der Obersten SA-Führung auf. Sein Einfluss als SA-Führer wuchs mit der Zuspitzung der Wirtschaftskrise, die sich rasch zur Staatskrise weitete. Die sprunghaft steigende Anhängerschar sicherte ihmaber auch innerparteilich eine immense Hausmacht,was bereits 1929 mit seiner Berufung zum Fraktionsführer der sächsischen NSDAP im Landtag zum Ausdruck kam. Mutschmann wiederum erblickte in dem SA-Führer einen »mächtigenWidersa- cher«, der seine unangefochtene innerparteiliche Stellung plötzlich zu beeinträchtigen schien. 14 Was folgte,waren erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Partei- und SA-Führer, die sich –wie eingangs gesehen – bis weit über das Jahr 1933 hinaus fortsetzen sollten. Dessen ungeach- tet gelang es beiden NS-Organisationen auf verschiedene Weise, das einstmals »rote Sachsen« sukzessive in eine braune Hochburg zu verwandeln. Während den Nazis zuerst im sächsischen Südwesten (Plauen–Zwickau–Chemnitz) der Durchbruch glückte, vermochte das dichte Netz

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