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74   I nszen i erung, Massen begeisterung und Medi en »Gebt mir zehn Jahre Zeit und Ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen.« Hitlers prophe- tische Worte in seiner Regierungserklärung erfüllten sich wirklich innerhalb einer Dekade, jedoch in einemganz anderen Sinne als demgedachten. Für die sächsische Gauhauptstadt wird dies besonders an zwei Ereignissen deutlich: amersten (und einzigen) BesuchHitlers in Dresden anlässlich der Reichstheaterwoche 1934 und an der Treuekundgebung amKönigsufer 1944 nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat. Die Vorbereitung der Festwoche hatte imHerbst 1933 begonnen. Eine angebliche besondere Willfährigkeit der Dresdner oder der relativ hohe Anteil an Nationalsozialisten in den Dresdner Theatern sind ebenso Spekulationwie die Annahme, der Ruf Dresdens als wichtige Theaterstadt sei der Grund für die Vergabe gewesen: Die Gründe bleiben unbekannt. Die Absichten liegen jedoch auf der Hand und wurden in den Zeitungen auch klar benannt: Die Theater sollten aus »dem Sumpf des Novembersystems« herausgeholt werden und der Regierung sei die »erziehe- rische Aufgabe« der Spielstätten im Sinne des Nationalsozialismus wichtig, wie der »Freiheits- kampf« schrieb. Offen bleibt die Rolle der Inszenierung. Es scheint, als habe die Propaganda die Spannung auf den Höhepunkt treibenwollen, denn es war bis zumEintreffen Hitlers unklar, ob er tatsächlich nach Dresden kommen und mit welchem Verkehrsmittel er anreisen würde. Die Zeitungen griffen die Spekulationen auf, heizten die Stimmung künstlich an und gaben die Fieberhaftigkeit der Tage breit wieder, die wiederumdie Bevölkerungweiter aufpeitschte. In der Presseanweisung vom28.Mai 1934 hatte Goebbels festgelegt: »Statt dessen [AVUS-Rennen, K.H.] soll die Dresdner Theaterwoche besonders stark aufgemacht werden, vor allem die Rede des Propagandaministers.«  1 Die Festwoche begannmit demHissen der Hakenkreuzflagge vor der Generalintendanz der Staatstheater am Taschenberg am 27.Mai 1934. An jenem Tag traf Hitlers Entourage in Dresden ein: Blomberg, Goebbels, SS-Gruppenführer Sepp Dietrich und andere. Die NS-Propaganda, die gern historischeMonumentalismenwählte, verglich das Eintreffen Hitlers mit einemTriumph- zug, der bisher keinem König oder Kaiser in Dresden zuteil geworden wäre. Der Kanzler traf ebenfalls am 27. Mai mit dem Auto ein. Martin Mutschmann erwartete ihn an der Stadtgrenze. Von dort bis zumHotel Bellevue, in demHitler untergebracht war, sollen 38000 SA- und 20000 SS-Männer Spalier gestanden haben. Die nördliche Stadtgrenze befand sich damals an den Hellerbergen. Sechs Kilometer, an beiden Straßenrändernmit je 29000 Unformierten gesäumt: rein rechnerisch fast fünf Personen pro Meter. Ob diese Zahl übertrieben ist oder nicht – der Empfangmuss triumphal gewesen sein. Selbst Goebbels schrieb in seinemTagebuch: »Einfahrt Dresden wahrer Triumph. Unabsehbar die Massen. Froh, als ich im Hotel bin. Ewige Sprech- chöre.« In der Halle des Hotels Bellevue warteten Ministerpräsident Manfred von Killinger, Der »Führerbesuch« 1934 und die »Treuekundgebung« 1944 in Dresden Konstanti n Hermann

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