Katalog
76 I nszen i erung, Massen begeisterung und Medi en Politischen Leiter aus Sachsen, der Besuch von Gemäldegalerie und Zwinger und ein Treffenmit Kriegsversehrten. Am 30. Mai flog Hitler nach Berlin zurück. Wilhelm Liske, stellvertretender Hauptschriftleiter des »Freiheitskampfes«, schrieb die in mehreren Auflagen erschienene Bro- schüre »Sachsen umjubelt den Führer«, die erstmals 1934 im NS-Gauverlag erschien und deren Pathos in Wort und Bild byzantinistisch ist. Ein Bild ist auch dem Mann gewidmet, der zwei Monate später erschossenwird: »Gruppenführer Haynmeldet demFührer die SA«. 4 Hitler sieht auf dem Bild zu Boden. Die Reichstheaterwoche blieb nicht im öffentlichen Gedächtnis verhaftet, die Erinnerung an den »Führerbesuch« verblasste in den Zeitläuften. Der Musikkritiker Paul Bekker verriss die Festwoche, die zwar durchaus gute Opern und Schauspiele gebracht habe, aber: »Was an diesem Programm rechtfertigte den erstmaligen Einsatz des Protektors ›Reich‹?Wowar die Originalität des Aufbaus, die Bedeutung des Inhalts? […] Klein-Zaches [Goebbels, K.H.] hat ein paar Reden gehalten, die in der tiefen Erkenntnis gipfelten: ›Lieber ein guter Klassiker, als ein schlechter Moderner.‹ […] Frage: Sind die in Deutschland lebendenMenschen nur so verängstigt, oder sind sie bereits wirklich so verblödet, dass sie die einzige mögliche Antwort auf solchen platten Schwatz: das tötende Lachen nicht finden? Mit dieser Fragestellung sind wir zumKernproblem der Reichstheaterwoche selbst vorgedrungen.« 5 In den darauffolgenden zehn Jahren hatte sich die Situation völlig verändert. Die sowjetische Armee stand dicht vor Ostpreußen, imWesten hatten die Alliierten gerade die Stadt Caen in der Normandie erobert. Am 20. Juli 1944 detonierte in der Lagebaracke des Führerhauptquartiers Wolfsschanze die Bombe, mit der Claus Graf Schenk von Stauffenberg Hitler töten wollte. Der Aufstand, Operation »Walküre«, wurde innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen. Am Abend des 20.Juli stellte der steiermärkische Gauleiter Sigfried Uiberreither Goebbels die Frage, ob »Großkundgebungen anläßlich des glücklichen Verlaufs des Attentats imReich durchgeführt werden«. 6 Die Idee zu »Treuekundgebungen für den Führer« kam nicht vom Reichspropagan- daministerium selbst. Einen Tag später empfahl Goebbels die Ausrichtung der Massenkundge- bungen den Gauleitern, die dort nach Möglichkeit auch sprechen sollten. Erst am 22. Juli erließ das Ministerium schließlich eine Information darüber und wiederum zwei Tage später eine Anweisung zu Form und Inhalt der Treuekundgebungen, von denen viele schon stattgefunden hatten. Die Gaupropagandaleitungen berichteten über die veranstalteten Kundgebungen, die häufig dezentral und ohne Anleitung ausgerichtet wordenwaren. Gerade darin lag ihr »Erfolg«, in der Spontanität, die den Bevölkerungswillen demonstrieren sollte. In Sachsen fanden bis zum 21.Juli 189 Veranstaltungenmit 186000 Teilnehmern statt; bis zum24. Juli 400 Veranstaltungen mit 415000 Anwesenden. 7 Diese Kundgebungen fanden in öffentlichen Gebäuden statt; die NSDAP-Ortsgruppe Radebeul-Friedensburg lud beispielsweise in das Lichtspielhaus »Capitol«, die Freitaler Ortsgruppe in den Gasthof »Goldener Löwe« ein. Die NS-Propaganda bemühte sich, den spontanen Charakter der Treuekundgebungen zu betonen, so auch der Dresdner »Freiheitskampf«, der schrieb, dass sich in der Gauhauptstadt in den frühen Nachmittagsstunden am Freitag die Parole verbreitet habe: »Auf zum Königsufer zur Treuekundgebung!« Dass die Veranstaltung durchgeplant war, wird schon allein durch die Anwesenheit und Reden der NS-Prominenz bewiesen. Eine kurze Meldung erschien zu der Dresdner Großveranstaltung im »Freiheitskampf« am 22. Juli; ein ausführlicher, bebildeter Bericht folgte einen Tag später. Soldaten der Infanterie und Luftwaffe,Männer der SA-Standarte »Feldherrenhalle«, Pimpfe, Verwundete, Mütter, Frauen, ein General mit seinen Mitarbeitern
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