Katalog
Der »Führerbesuch« 1934 und di e »Treuekundgebung« 1944 i n Dresden 77 und viele andere seien zur Kundgebung gekommen, an jenes Königsufer, das von 1933 bis 1936 gebaut und angelegt wurde. »Abscheu über den fluchwürdigen Anschlag gegen den Führer« wurde kundgetan, und jetzt erst recht würden alle dem »Führer folgen bis zum endgültigen Siege«. 8 Bis in die frühen Abendstunden dauerten die Reden von Gauleiter Mutschmann und Kreisleiter Walter und die Musik. »Die Glut der Herzen brennt in Treue zum Führer«, »Nun erst recht. Alles für den Führer, alles für den Sieg!« Wie »Keulenschläge« dröhnten Mutschmanns Worte, der von den jahrelangen Versuchen »der Juden« sprach, den »Führer zu ermorden«. Kreisleiter Walter beschwor den »Herrgott: Erhalte uns den Führer! Diese Kundgebung ist für uns alle ein Gottesdienst geworden.« 9 WelchenWert undwelcheWirkung die Treuekundgebung auf die Bevölkerung hatte, ist nur schwer einzuschätzen. Eine begrenzteMobilisierung kann ihr sicher nicht abgesprochenwerden, zumal sicher ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung die »Vorsehung« als Garant für einen »Endsieg« und als Gewähr dafür sah, dass ein neues »1918«, ein »Verrat an der Front«, hier nun mit einemAttentat auf den Führer, nicht vorkommenwürde. Der »Glaube an den Führer« wurde vielleicht gestärkt – dieser Führer jedoch spielte schon 1944 in der Bevölkerung als Kanzler und »oberster Kriegsherr« nur noch eine geringe Rolle. Für die Deutschen war Hitler als konkrete Person kaummehr zu fassen: keine öffentlichen Auftritte im gesamten Jahr, nur drei Radioan- sprachen. Der Dresdner Gerhart Baum, nachmaliger liberaler Bundesinnenminister, erlebte die Veran- staltung: »Eine Treuekundgebung mit dem Jungvolk und Tausenden Leuten, die man zusam- mengekarrt hatte […] Alle machten mit.« 10 In ihr manifestierte sich nicht zum letzten Mal in Dresden die fatale Treue großer Teile der Bevölkerung, auch angesichts der militärischen Lage, die zum Durchhalten und zum Schicksalsbund zu zwingen schien. Die Vereidigung des Volks- sturms auf der Ilgen-Kampfbahn avancierte zum nächsten Großereignis in der sächsischen Gauhauptstadt. Am 1. September 1944, zehn Jahre nach der Reichstheaterwoche und als eine der Folgen des Attentats auf Hitler im Sinne der »Aufbietung aller Kräfte für den Endsieg«, mussten alle Thea- ter durch die Verordnung Goebbels’ zum »Totalen Kriegseinsatz der Kulturschaffenden« schlie- ßen. Damit war auchMakulatur, was der »Freiheitskampf« einen Tag nach demHitler-Attentat geschrieben hatte:»Pläne des Dresdner Schauspielhauses 1944/45«. 11 Das Schauspielhaus konnte erst am 22. September 1948 wiedereröffnet werden. Anmerkungen 1 NS-PresseanweisungenderVorkriegszeit,Bd.2:1934,Mün- chen 1985, S.223. 2 Der Freiheitskampf, 28.5.1934. 3 Elke Fröhlich (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Einträge vom 28. und 30.5.1934, Band3,1: April 1934–Feb- ruar 1936,München 2005,S.54f. 4 Sachsen umjubelt den Führer. Ein Bildbericht über den ersten Staatsbesuch Adolf Hitlers anläßlich der Reichs- theaterfestwoche in Dresden, Dresden 1934, S.73. 5 Reichstheaterwoche (1934), in: Paul Bekker: »Geist unter dem Pferdeschwanz«. Paul Bekkers Feuilletons aus dem Pariser Tageblatt 1934–1936, Saarbrücken 2001, S.101 f. 6 Thomas Travaglini: Der 20. Juli 1944. Technik und Wir- kung seiner propagandistischen Behandlung nach den amtlichen SD-Berichten, Berlin 1964, S.53. 7 Ebd., S.137. 8 Freiheitskampf, Nr. 200 vom 22.7.1944. 9 Freiheitskampf, Nr. 201 vom 23.7.1944. 10 Gerhart Baum: Die Wut ist jung. Bilanz eines politischen Lebens, München 2012. 11 Der Freiheitskampf, 21.7.1944.
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