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78   I nszen i erung, Massen begeisterung und Medi en Wenige Stunden, nachdemdie SA unter Beteiligung der Polizei am8.März 1933 das Redaktions- gebäude der »Dresdner Volkszeitung« gestürmt hatte, umdie Produktion dieses sozialdemokra- tischen Organs zu stoppen, fand auf demWettiner Platz eine der reichsweit ersten nationalso- zialistischen Bücherverbrennungen statt. Neben sozialdemokratischen Druckerzeugnissenwurden auchWerke derWeltliteratur miss- liebiger Autoren verbrannt. An diese erste nicht-studentische Aktion erinnert bis heute sowohl eine bekannte Fotografie als auch eine Gedenktafel amhistorischen Ort, die am 10.Mai 1948 auf einer Kundgebung zum »Tag des freien Buches« enthüllt wurde. Der 10. Mai 1933 gilt als ein entscheidender Markstein für die Manifestation der nationalso- zialistischen Herrschaft in Deutschland. Die Bücherverbrennungen, die an diesem Tag in fast allen deutschen Universitätsstädten stattfanden, basierten auf der durch das Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft zentral gesteuerten Kampagne »Wider den undeutschenGeist«. Das Datumavancierte nach demEnde des ZweitenWeltkriegs zu einem zunächst gesamtdeutschen und später – als »Tag des freien Buches« – zu einem offiziellen Gedenktag in der DDR. Auch in Dresden inszenierten Studenten der Technischen Hochschule (TH) am 10. Mai 1933 eine nationalsozialistische Bücherverbrennung an der Bismarcksäule auf der Räcknitzhöhe. Bemerkenswert für die Dresdner Situation ist, dass auch hier zwar der 10. Mai als Gedenktag begangen, als Tag der lokalen nationalsozialistischen Bücherverbrennung allerdings der 8.März 1933 im kulturellen Gedächtnis der Stadt verankert wurde. Dieser »blinde Fleck« innerhalb der Geschichte Dresdens in der NS-Zeit wirkte auch nach 1989/90 fort. 1 Die studentische Bücherverbrennung am 10.Mai 1933 an der Bismarcksäule Dresden Der zweiten Dresdner Bücherverbrennung gingen zahlreiche Aktivitäten der Studierenden und NS-Organisationen voraus. Am 1. April 1933 gab die bereits gleichgeschaltete Dresdner Studen- tenschaft einen Aufruf heraus, der den Kontakt zu jüdischen Studenten verbot und ihnen den Zutritt zum Dresdner Studentenhaus in der Mommsenstraße untersagte. Interessanterweise war der Bau dieses erst 1925 fertiggestellten Gebäudes mithilfe von Spenden auch jüdischer Geldgeber finanziert worden. 2 Nur wenige Wochen später, am 14. April 1933, veröffentlichte die Presse eine Ankündigung »Aufklärungsfeldzug wider den undeutschen Geist« der Deutschen Studentenschaft. Das Kernelement waren dabei die »12 Thesen wider den undeutschen Geist«. In ihnen ging es hauptsächlich umdie deutsche Sprache, die sich von fremdem, besonders jüdi- schem Einfluss befreienmüsse. 3 In Zusammenarbeit mit den nationalsozialistischen Organisa- Zwei Bücherverbrennungen in Dresden Henri ette Kunz

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