Katalog

80   I nszen i erung, Massen begeisterung und Medi en Trennung in sogenannte Gebildete und Ungebildete, wobei keineswegs an wahre Bildung des Herzens und des Charakters, sondern nur an ein erlerntes Wissen bestimmter Art gedacht wurde.« 8 Nach Beendigung der Rede marschierten die Teilnehmer in einem Fackelzug geschlossen zumScheiterhaufen an der Bismarcksäule auf der Räcknitzhöhe. In der zeitgenössischen gleich- geschalteten Presse erschienen in den nächsten Tagen detaillierte Ablaufbeschreibungen imposi- tiven Tenor. Exemplarisch heißt es in den »Dresdner Neuesten Nachrichten« vom 12. Mai 1933: »Gegen 22 Uhr naht vom Studentenhaus her in langem Fackelzug, geführt von einem Spiel- mannszug der SA, die Studentenschaft. […] Da flammt der Scheiterhaufen auf. Buch um Buch wirft die Feuerwache vom Studentensturm in die Flammen. Das Feuer rötet den Nachthimmel, beleuchtet das Denkmal und die vielen Hunderte der Teilnehmer. […] Mit zumTeil sehr kräftigen Begleitworten schickte dann Engels [Herbert Engels, der Älteste der Dresdner Studentenschaft, HK] das ›Erfurter Programm der SPD‹ ins Feuer, das ›Kapital‹ von Marx, dann Schriften von Heinrich Mann, Kästner, Emil Ludwigs ›Kaiser‹-Buch, Remarques ›Im Westen nichts Neues‹, Bücher von Kerr und Tucholsky. Begeisterter Beifall der Versammlung, das Horst-Wessel-Lied wird angestimmt. Mit einem einfachen Sieg-Heil auf den Reichskanzler schließt die eindrucks- volle Kundgebung.« 9 Die THDresden verfügte für die Umsetzung der Propaganda- und Terroraktionen über einen Hauptausschuss, zu dessenMitgliedern unter anderen der Führer der Studentenschaft zählte. 10 Es wurden »Schwarze Listen« mit Titeln der zu verbrennenden Bücher erstellt, die der »Säube- rung« der öffentlichen und privaten Bibliotheken von »zersetzendem Schrifttum« dienen soll- ten. Am 28. Juli 1933 gab der »Dresdner Anzeiger« an, dass 6000 bis 7000 verschiedene Druck- schriften und Bilder in größeren Verlagsbuchhandlungen beschlagnahmt wurden. 11 Die Bismarcksäule als historischer Ort Aufgrund seiner einschlägigen Geschichte und Symbolik sowie der exponierten Lage wurde das Areal rund umdie Bismarcksäule keineswegs zufällig gewählt. Die Nationalsozialisten konnten beinahe nahtlos an eine studentische Tradition des Feuerkults anknüpfen. 12 Ursprünglich im Rahmen einer studentischen Initiative als Feuersäule errichtet, sollte sich das Bauwerk in die Manifestation des im 19. Jahrhundert reichsweit virulenten Bismarckkults einreihen. Bereits bei der Einweihung der Säule am 23. Juni 1906 verband man die Huldigung Bismarcks mit der Ehrung Kaiser Wilhelms II. sowie des sächsischen Königs Friedrich August III. Als Mahnung an die Zeit der Befreiungskriege, »als Deutsche gegen Deutsche die Waffen kehr- ten und durch Uneinigkeit zerrissen unser Vaterland darnieder lag«, erfolgte zum anderen ein Rekurs auf das ebenfalls auf dem Areal befindliche Moreau-Denkmal – nunmehr direkt kon­ trastiert mit der Bismarcksäule, die explizit als ein Symbol der nationalen Einheit Deutschlands galt. 13 Es fanden bis zur Sommersonnenwende 1941 an der Säule Bismarck-Gedenkfeiern statt. 14 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten die 1946 in Friedensturm umbenannte Säule und ihre Geschichte fast völlig in Vergessenheit. Ein in den 1950er Jahren geplanter Abriss wurde nur aus Kostengründen nicht realisiert. Bei der Bebauung des Wohngebiets wurde der Eingang zum Turm zugemauert. 15

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