Katalog

120   Bi ldung und (Pseudo-)Wissenschaft Die Anstalt Laut Gründungserlass vom 23.März 1934 sollten an der NPEA Dresden-Klotzsche gesunde, tüch- tige, besonders begabte Jungen aus allen Schichten der Bevölkerung im Alter von 13 Jahren aufgenommen und innerhalb von sechs Jahren inmustergültigerWeise zu »bewussten Gliedern des nationalsozialistischen Staates und Volkes« erzogen werden. Körper, Charakter und Geist der Schüler sollten in gleicher Weise gebildet werden. Die Rudolf-Schröter-Schule führte hierfür einen Reformrealgymnasialzug (Untertertia bis Oberprima) mit der Betonung der naturwissen- schaftlichen Fächer und der neuen Sprachen sowie einen Oberrealschulzug als Aufbauklasse, der in seine Untertertia begabte Volksschüler aufnahm. An der Schule wurde weiterhin nach den Lehrplänen derWeimarer Republik unterrichtet, ausgenommen in den sogenannten Gesin- nungsfächern. Auch an der grundsätzlichen Schul- und Internatsstruktur hielt die Schulleitung fest: In den sechs Doppelhäusernwohnten nun etwa 250 »Jungmannen«mit ihren Lehrern bzw. Erziehern, eingeteilt nach den Gliederungen der HJ. Umfassend aber änderten sich an der NPEA die Ausleseverfahren für Schüler und Lehrer. Die Schüler durchliefen eine fünftägige Aufnahmeprüfung, für die es auf dem Gelände beson- ders auf sportlichemGebiet beste Voraussetzungen gab, »nehmen doch die Uebungsstätten fast ein Drittel der Gesamtfläche des Schulgrundstückes ein« 10 . Schon früh zeichneten sich hierbei Akzentverschiebungen ab: Körperliche Fitness und vor allem Führungsqualitäten bzw. Füh- rungswillen bildeten vorrangige Auswahlkriterien, die unter dem Begriff »Charakterstärke« subsumiert wurden. In denAnfangsjahren fanden junge, ledige Studienassessoren gemäß demGrundsatz »Jugend wird durch Jugend geführt« als Lehrer und Erzieher Einstellung. Nach demWechsel an der Spitze trieb Barth den systematischen Wechsel des Kollegiums voran, indem er in der Folge Erzieher, »die sich […] als unfähig erwiesen haben, zu nationalsozialistischen Vorkämpfern für die Blut- und Rassenlehre zu erziehen« 11 , entließ und durch systemtreue ersetzte. Trotz materieller und personeller Widrigkeiten schon vor Kriegsbeginn, die nicht unbedingt für eine Eliteschule des Nationalsozialismus sprachen, zeigten Lehrer und Schüler eine hohe Einsatzbereitschaft und unterzogen sich besonderen Härten im Alltag, unter anderem durch einen straff geführten Tagesablauf. Das Eliteversprechen und vor allem das sich ausbildende Elitebewusstsein, beschworen inmilitärischen Aufmärschen sowie nächtlichen Fest- und Feier­ ritualen, beflügelten dabei Schüler und Lehrer gleichermaßen. Parallel dazu bot die Schule große Möglichkeiten zur Entfaltung: unter anderem Reitunterricht, eine Segelfliegerausbildung oder die Fahrerlaubnis für Motorrad und Auto für ihre Schüler. Dass diese Privilegien aber um den Preis eines bedingungslosen Einsatzes im Krieg erkauft wurden, zeigt die hohe Zahl von Toten und Verwundeten unter der Lehrer- und Schülerschaft. Ernüchtert bilanzierte ein ehemaliger Schüler: »Unser einziger hoher Leistungsstandard war darin zu erblicken, daß wir als Kampf- maschinen zu agieren in der Lage waren, Leerfloskeln, welche zur Führung von Menschen not- wendig waren, lautstark repetieren konnten und ansonsten imstande waren, Vorbild zu sein in der Bereitschaft, unser Leben für ›Führer, Volk und Vaterland‹ hinzugeben.« 12

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