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122   Bi ldung und (Pseudo-)Wissenschaft Jede Gesellschaftsordnungwill die Jugend für die eigene Sache gewinnen. NachMachttransfor- mationen strebt daher der Staat sehr schnell Änderungen im Bildungswesen an. Diktaturen, so auch und vor allem die nationalsozialistische, gehen dabei über die bloße Unterrichtung und Erziehung hinaus – die Kinder und Jugendlichen sollen im Sinne der Macht totalitär geformt werden. Demdienen Einheitsorganisationen, die Einbindung in eine Vielzahl von Veranstaltun- gen und nicht zuletzt auch eine bewusste Verstärkung der quasi naturgegebenen jugendlichen Emanzipation vom Elternhaus. Im »Dritten Reich« sollten die demokratischen Leitlinien der Bildung und Erziehung möglichst bald zugunsten der NS-Ideologie aus Schulen und Hochschu- len, aber auch aus Kindergärten entfernt werden. Mit Hochdruck wurden die Lehramtsstuden- ten politisch indoktriniert, damit die neue Lehrergeneration ihre Schüler im nationalsozialisti- schen Sinne erzog. Für die Nationalsozialisten war ein Neuanfang vielversprechender als das Arbeitenmit bestehenden Lehrerbildungseinrichtungen – zumindest mit denjenigen, die durch die Reformpädagogik der 1920er Jahre geprägt waren. Die Lehrerausbildung war im Deutschen Reich nicht einheitlich geregelt. Während in Preu- ßen eigene Lehrerseminare und seit 1926 Pädagogische Akademien bestanden,war imFreistaat Sachsen die Volksschullehrerbildung 1923 durch die Gründung des Pädagogischen Instituts an der Technischen Hochschule Dresden (TH Dresden) erstmals in Deutschland akademisiert worden. Das Institut befand sich auf der Teplitzer Straße 16 in Dresden-Strehlen; Gründungsdi- rektor war Richard Seyfert. Dieser wurde von den Nationalsozialisten 1933 entlassen und durch Friedrich Schreiber ersetzt, der am 1. August 1938 außerdem den Professorentitel erhielt. 1 In der NSDAP war die Ausbildung, besonders der Volksschullehrer, nicht unumstritten. Wie in vielen anderen Bereichen – abgesehen von dem ideologischen Fundament der Nazis – fehlte auch hier eine klare politische Linie. Die zahlreichen Denkschriften und Zeitschriftenartikel zur Zukunft der Lehrerausbildung sind deutlich genug. 2 Welche Vorstellungen Hitler von der Aus- bildung der Volksschullehrer hatte, zeigt die Auseinandersetzung zwischen Gunter d’Alquen, dem Hauptschriftleiter der SS-Zeitung »Das Schwarze Korps«, und dem Ministerialdirektor Sommer im Februar 1939. Letzterer bestätigte, dass nach Aussage des Reichsleiters Martin Bor- mann »der Führer als beste Nachwuchsquelle für die Volksschullehrer den 12-jährigen gedienten Unteroffizier« ansehen würde. Hitlers Ansicht nach sollten die künftigen Volksschullehrer also aus demMilitär rekrutiert werden; sämtliche Gauleiter würden eine Hochschulausbildung der Volksschullehrer ablehnen, so Sommer weiter. 3 Dennoch hatte man 1933 die Gründung von Hochschulen für Lehrerbildung und das Abgehen vom Abitur als Voraussetzung zum Studium der Volksschullehrer geplant. Das sei, so Rudolf Heß 1939 rückblickend, kurz nach der Macht- übernahme aber nicht möglich gewesen, sodass noch drei Jahre bis zur Gründung der Hoch- Die Hochschule für Lehrerbildung in Dresden Konstanti n Hermann

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