Katalog
54 Nach der am 28. April 1719 gefallenen Entscheidung Kaiser Karls VI. für eine Vermählung Maria Josephas mit dem sächsischen Kurprinzen waren der brisante, die Pragmatische Sanktion berück- sichtigende Ehevertrag sowie das Zeremoniell der Brautwerbung und Trauung in Wien auszuhan- deln. Gleichzeitig liefen in Dresden die Vorbereitungen für die geplanten einmonatigen Vermäh lungsfeierlichkeiten auf Hochtouren. t Am 13. August 1719, also eine Woche vor der auf den 20. August festgesetzten Hochzeit, fand in Wien die offizielle Brautwerbung statt. Generalfeld- marschall und Kabinettsminister Jakob Heinrich Graf von Flemming erhielt den Auftrag, in Stell- vertretung des Königs und Kurprinzen die Heiratskontrakte zu unterzeichnen. Der sächsische Gesandte, der im Strattmannschen Palais seine Residenz genommen hatte, wurde am Morgen des 13. August mit einer sechsspännigen kaiserlichen Paradekutsche abgeholt und in Begleitung etli- cher hochrangiger sächsischer Kavaliere, reich gekleideter Bediensteter, kostbarer Kutschen und Pferde zur Wiener Hofburg geleitet. Es lag nahe, diesem wichtigen repräsentativen Ereignis auch im geplanten Festbericht einen Kupferstich zu widmen, und so hätte – laut der frühen Illustra tionskonzepte – die »Abholung« Flemmings zur Audienz den Auftakt der den Wiener Festlichkeiten gewidmeten Darstellungen bilden sollen. Eine entsprechende Illustration ist jedoch nicht über liefert. t Für den feierlichen Empfang waren der Kaiser und sein Hofstaat aus der Sommerresidenz Favorita in die Stadt zurückgekehrt. Die Folge der Audienzen hielt Raymond Leplat in Zeichnungen fest. Graf Flemming wurde in Begleitung höchster Würdenträger des Hofes zu Karl VI. geführt, der dem sächsischen Unterhändler seine Ehre erwies, indem er seinen Hut zur Begrüßung leicht lüf- tete. Jener machte seine Komplimente bedeckten Hauptes, wie in der Zeichnung Leplats zu sehen ist. Doch nicht nur das Aufbehalten der Kopfbedeckung, auch die Positionierung des königlichen Gesandten in der Illustration sollte auf den hohen Rang des Abgesandten hinweisen. Hierzu wurde die Figur Flemmings kurzerhand auf das kaiserliche Thronpodest »verschoben«. Stellvertretend für den sächsischen Prinzen hielt er nun um die Hand der Erzherzogin Maria Josepha an. Als Zeichen der Einwilligung erlaubte der Kaiser hierauf dem Grafen und seinen Begleitern den Handkuss. Es folgten die Aufwartung mit gezogenem Hut bei der regierenden Kaiserin Elisabeth Christine, darauf bei der verwitweten Kaiserin Eleonora Magdalena Theresia, Kaisermutter und Großmutter der Braut, schließlich bei der verwitweten Kaiserin Amalia Wilhelmina, Gemahlin des verstorbenen Brautwerbung, Vermählung und Festlichkeiten in Wien Kaisers Joseph I. und Mutter Maria Josephas. Nachdem auch sie eingewilligt hatte, wurde die Prinzessin herbeigeholt. Diesen Moment hält Leplats Zeichnung in der letzten Audienzdarstellung fest, und auch hier entschied man sich nachträglich, den Gesandten auf den eigens vergrößerten Teppich vor dem Audienzstuhl der Brautmutter zu versetzen. Flemmings Frage, ob Maria Josepha den sächsischen Prinzen heiraten wolle, beantwortete diese mit einer zustimmenden Reverenz. Zur Besiegelung der Verlobung und als Höhepunkt des aufwendigen Zeremoniells wurde ihr das kostbare, mit Diamanten besetzte Emailbildnis Friedrich Augusts angeheftet, das sich heute im Dresdener Grünen Gewölbe befindet. t Noch am selben Abend veranstaltete Graf Flemming als Freudenbezeugung über die erfolgreiche Brautwerbung ein öffentliches Fest. Vor dem prächtig illuminierten Strattmannschen Palais wurde das herbeiströmende Volk von sechs bis elf Uhr mit rotem und weißem Wein verköstigt und Geld ausgeworfen. Den Damen und Kavalieren der Hof gesellschaft, Ministern und vornehmen Bürgern der Stadt richtete Flemming zwei Tage später, am 15. August, einen festlichen Zeremonienball aus. t Für die am Vortag der Hochzeit in der Hofburg vollzogene feierliche Lossagungs- und Anhangshandlung sah der Festbericht verständlicherweise keine Darstellung vor, denn mit diesem Akt wurde die Pragmatische Sanktion anerkannt, und Maria Josepha verzichtete offiziell auf ihre Erbansprüche. Inzwischen war auch der Bräutigam, der am 14. August Dresden verlassen hatte, inkognito in Wien angelangt und traf seine Braut in der Stille eines Klosters. t Am Hochzeitstag, dem 20. August, fand die feierliche Vermählung um sechs Uhr abends in Anwesenheit der kaiserlichen Familie sowie kaiserlicher, königlich-polnischer und kur- sächsischer Minister, Damen und Kavaliere in der Favoritenkapelle statt. Leplat dokumentierte den entscheidenden Moment der Eheschließung in einer Zeichnung. Sie zeigt das Brautpaar vor dem Altar, wie es von dem Bischof zusammengeführt wird. Nach Anstecken der Ringe und Besprengung mit Weihwasser wurden Gesänge angestimmt; Pauken, Trompeten und Kanonendonner kündeten von dem freudigen Ereignis. t In den Abendstunden war der festlich geschmückte Theatersaal der Favorita Schauplatz des Hochzeitsmahls, bei dem die fünf allegorischen, aus Zucker hergestell- ten Schauessen großes Aufsehen erregten. Nach Aufhebung der Tafeln hatte die sogenannte Bett- setzung der Frischvermählten zu erfolgen. Trotz der wichtigen zeremoniellen Bedeutung dieses ebenso offiziellen wie auch symbolischen Aktes, der die »copulatio carnalis« eröffnete, wurde er
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