Katalog
64 Die Dresdener Vermählungsfeierlichkeiten nahmen ihren Anfang mit der feierlichen Einholung der Braut am Samstag, dem 2. September 1719. Waren der offiziellen Hochzeitsfeier am Wiener Kaiser hof lediglich zwei Tage gewidmet worden, um die Eheschließung mit Blick auf die Pragmatische Sanktion nicht zusätzlich aufzuwerten, eröffnete der prächtige Empfang der Kaisertochter in Dresden einen vierwöchigen, unter das Motto der sieben Planetengötter gestellten Festreigen. t Das letzte Stück der Wegstrecke von Wien nach Dresden sollte Maria Josepha zu Wasser, in einer Prunkgondel auf der Elbe zurücklegen. Am 31. August hatte sie nach mehrtägiger Reise Pirna erreicht, zwei Tage später bestieg sie den Bucentauro, der ihren Namen trug und sie elbabwärts bis zur alten Vogelwiese (heute Blasewitz) vor den Stadttoren Dresdens brachte. Hier empfing der König die junge Prinzessin in einem eigens errichteten Zeltlager, bei dem wohl auch kostbare osmanische Zelte Verwendung fanden, und bat sie zu Tisch. Nach dieser Stärkung setzte sich die Heimführung der Braut in die sächsische Residenz mit einem prächtigen Aufzug zu Lande fort. Ganze drei Stunden bewegte sich der lange, mit größter Prachtentfaltung inszenierte Zug in Richtung Stadt. Man sah berittene Bedienstete der Post und Jägerei, Vertreter der Landstände, mit Wappen geschmückte Provinzpferde, Handpferde, Paradewagen und Sänften. Die höchsten sächsischen Hofbeamten und Generäle nahmen ebenso daran teil wie Schwadronen von Küras sieren, Dragonern und Grenadieren, die für militärisches Gepränge sorgten. Den Höhepunkt und feierlichen Schlussakkord bildete die achtspännige Prunkkarosse der Braut, der ein »Leibmohr« vorausritt und die 24 weitere »Mohren« von einheitlicher Größe begleiteten – August hatte sie extra für diesen Anlass in Portugal gekauft. Dem Tross der Prinzessin ritt der Kurprinz voraus, von zwei Ministern, Läufern, Heiducken in Kostümen der ungarischen Infanterie sowie der Schweizer Garde begleitet. t Für die Dokumentation des Einzugs war 1721 die Künstlerin Anna Maria Werner von Berlin nach Dresden verpflichtet worden, die mit dem Amt der »Hof-Zeichen-Meisterin« zur ersten Dresdener Hofkünstlerin avancierte. Von ihrer Hand stammen der große Prospekt des Empfanges Maria Josephas im Zeltlager, ferner 18 Blätter im Regalformat, die den gesamten Einzug blattweise in jeweils drei Streifen vorstellen, wobei sich unter dem mittleren Streifen jeweils ein Einzug und Empfang in Dresden Alternativentwurf hinsichtlich der Zugrichtung verbirgt. Zwei weitere Blätter in größerem Format und Maßstab richten den Fokus auf den Kopf des Zuges mit den Postoffizieren und die Suite des Prinzen. t Die Zeichnungen sind von der »Wernerin« minutiös und mit größter Sorgfalt ausge- führt worden. Dabei war sie darauf bedacht, die seitenlange, leicht zu Ermüdung führende Schil- derung des schier endlosen Zuges durch eine unterhaltende und den Schauwert steigernde erzäh- lerische Staffage aufzuwerten. Von dem Aufzug wurde durch Johann Georg Wolfgang, der bereits mit Johann Friedrich Wentzel an dem Krönungsbericht Friedrichs I. von Preußen mitgewirkt hatte, ein Blatt als Proberadierung gefertigt. t Durch die am Pirnaischen Tor und auf dem Altmarkt errichteten Ehrenpforten und ein Spalier von 1200 Dresdener Bürgern gelangte die Prinzessin schließlich zum Schloss, wo sie nach kurzer Erholungspause empfangen und zur Audienz geführt wurde. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die überlieferten Schriftquellen hinsichtlich der gegebenen Informationen mehr oder weniger stark voneinander abweichen. So bleibt unklar, ob die Braut tatsächlich im direkten Anschluss und im Beisein höchster Würdenträger durch das Schloss geleitet wurde, wie es Archivalien und die für den Festbericht gefertigten Illus- trationen nahelegen, oder ob man sie zuerst in das kurprinzliche Palais (heute Taschenbergpalais) führte, von wo aus sie über einen Verbindungsgang zu Fuß ins Schloss ging, um ihre Schwieger- eltern zu treffen. t In Anbetracht der politischen und dynastischen Tragweite dieser Vermählung hatte August der Starke im zweiten Obergeschoss des Schlosses unter Hochdruck eine glanzvolle, nach französischer Mode eingerichtete Raumflucht mit repräsentativen Paradegemächern einrich- ten lassen. Die breite Schilderung des Empfangs der Braut in dem geplanten Festbericht bot eine glänzende Möglichkeit, deren Pracht in Einzeldarstellungen überregional vor Augen zu stellen. So gehörten die detailgenauen Vorzeichnungen des mit der Innendekoration betrauten Architekten Raymond Leplat zu den ersten Illustrationen, die von französischen Stechern für den Festbericht in Kupferstiche umgesetzt wurden. Sie zählen heute zu den wichtigsten Quellen für die Rekonst- ruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Paradeappartements. t Dass ein Prospekt der äußer- lich noch als Renaissanceschloss erscheinenden Residenz für die Festdokumentation nicht existiert
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