Katalog

52 DIRK SCHUMANN Die mittelalterliche Baugeschichte der Marienkirche in Frankfurt (Oder) 1253 beauftragten die Markgrafenbrüder Johann und Otto den Lokator Gottfried von Herzberg mit der Gründung der Stadt Frankfurt an der Oder. Ein bereits bestehender Marktflecken mit einer Niko- laikirche wurde dabei miteinbezogen. Die Marienkirche entstand als imposanter Neubau der landes- herrlichen Stadtanlage direkt gegenüber dem laut Gründungsurkunde noch zu errichtenden Kauf- haus, das zugleich Versammlungsort des Rates werden sollte. 1 Der Bau der Kirche dürfte bald nach 1253 mit dem Chor begonnen worden sein, 2 ab etwa 1270 folgten das Querhaus und in Abschnitten ein weiträumiges, dreischiffiges Hallenlanghaus, dessenWestwand spätestens um 1290 im Bau war (Abb. 1, 2). 3 Vorbereitete Verzahnungen bezeugen die Planung eines mächtigen Westriegels. Ein Ablass aus dem Jahr 1300 ist schließlich der Hinweis, dass ein großer Teil des Kirchenbaus vollendet war, da nun vor allem zu Spenden für Ausschmückung und Ausstattung aufgerufen wurde. 4 Der vollständig in Backstein ausgeführte Kirchenbau war architektonisch aufwendig gestaltet und zeigt in einigen Details deutliche Bezüge zu der um 1260 vollendeten Klosterkirche in Lehnin. Der bald nach 1300 begonnene Westriegel orientiert sich mit dem Typus einer auffällig hohen Turmhalle an repräsentativen zeitgenössischen Westbauten des Hanseraums. In deren Gestaltung treten indes Charakteristika der Architektur der sogenannten Choriner Schule in den Vordergrund. So entstand hier beispielsweise ein zweiteiliges Westportal mit zentralemOkulus, wie es an den kurz zuvor errich- teten repräsentativen Laienportalen der Franziskanerkirchen in Angermünde und Brandenburg an der Havel anzutreffen ist. 5 Oberhalb der Turmhalle wurde der Westbau als Doppelturmanlage fort- geführt, die Blendfenster mit aufwendigemMaßwerk erhielt. Einige dieser Maßwerkmotive wie auch die Herstellungstechnik entsprechen ebenfalls Choriner Vorbildern. Noch vor der Vollendung der unteren drei Turmgeschosse entstand bald nach 1300 eine neue, groß angelegte dreischiffige Choranlage, die an der Nord- und Südseite zusätzlich jeweils einen gewölbten Kapellenanbau erhielt. Der südliche dreijochige gewölbte Anbau wurde als Sakristei genutzt. 6 Einige der dort befindlichen Gewölbekonsolen sind mit feingliedrigen Blättern verziert. Sie weisen stilistisch über die Choriner Vorbilder hinaus und gehören in das frühe 14. Jahrhundert (Abb. 3). Einen Abschluss der umfassenden Bautätigkeiten bildete der nördliche Querhausgiebel, der aus drei mit Maßwerk versehenenWimpergen und flankierenden Fialen besteht. Die in vielen Details mit dem nördlichen Giebel des Frankfurter Rathauses aus dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts überein- stimmende Gestaltung zeigt Marienkirche und Rathaus als zwei bewusst aufeinander bezogene Bau- ten (Abb. 4). 7 Die architektonischen Übereinstimmungen mit den prominenten landesherrlichen Bauprojekten der Klosterkirchen in Lehnin und Chorin sind in Frankfurt nicht ohne eine Beteiligung von Bauleuten und Zieglern denkbar, die von den dortigen Baustellen kamen. Dies war zum einen dem bedeutenden Rang der Frankfurter Hauptpfarrkirche geschuldet, zielte aber auch auf eine Wiedererkennbarkeit als landesherrlicher Bau ab. 8 Die Landesherren hatten das Patronat an dieser Kirche über das ganze Mittelalter hinweg inne. 9

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