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55 In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt? So jedenfalls argumentierten die Veteranen beschwichtigend in meinen Kindertagen, wenn sie sich unter Apfelbäumen sitzend über ihre »Abenteuer im Schützengraben« austauschten. Auch heute höre ich diesen Satz zuweilen von Männern, die nette Anekdoten von Ereignissen ihres Liebeslebens zumBesten geben, die zumindest imAnsatz als »verboten« gelten. Gewalt in Part- nerschaften kommt viel häufiger vor als gesehen und angenommen. Wenngleich körperliche – insbesondere sexuelle – Übergriffe zwischen Männern und Frauen zu Recht mit großem Entset- zen wahrgenommen werden, hinterlassen doch auch andere Formen wie verbale, emotionale, psychische, soziale oder strukturelle Unverfrorenheiten nicht minder Spuren und Schäden bei den Betroffenen. Um jene bittere Wahrheit wissend, werden in diesem Text insbesondere justi- ziable Fälle, bösartige Übergriffe und Beziehungsformen mit Krankheitswert ausgeklammert. Vielmehr sollen »normale Kleinkriege« Betrachtung finden, wie sie in nahezu jeder Partnerschaft vorkommen. Im Fokus stehen legitimierte »Grenzgänge« unbewusster Natur und subtile Stra- tegien und Taktiken beider Geschlechter im »Kampf um die Liebe«. Meine These lautet: Gewalt- oder machtfreie Räume gibt es nicht. Wir alle möchten uns als freie, liebende Menschen verstehen und begreifen nur schwer, dass in Ehe und Familie immer auch der »Kampf um die Pfründe« mit von der Partie ist. Üblicherweise werden Macht und Gewalt den Feldern der Politik, des Staates und kriegerischer Auseinandersetzungen zugeordnet. Dort sind sie zwar in gewissem Sinne negativ besetzt, aber durchaus legitimiert. Demgegenüber hat die Sphäre von Zwischenmenschlichkeit im allgemeinen Geist einen positiven Klang, und wenn sich derlei zeigt, gilt das immer als Verletzung, Kränkung oder Übertritt bis hin zum Verbrechen. Im »Normalfall« haben Machtspiele in sogenannten guten Ehen nicht stattzufinden. Entgegen diesem landläufigenVerständnis behaupte ich: Zu jeder Beziehung gehören Machtkämpfe, denn es ist eben allzu menschlich, sich stets auf irgendeine Weise des anderen »bemächtigen« zu wollen. Machtfreie Zonen sind und bleiben eine Utopie. Insofern möchte ich den Gewaltbegriff hier als quasi »entschärft« gebraucht wissen. Es geht lediglich immer darum, wer wie wann was und wozu (ge-)braucht. Wir können zwar Machtfragen in Partnerschaften nicht umgehen, aber im Umgang damit vorsätzliche Gewalt zu vermeiden, ist allemal ein lohnenswertes Ziel. Deshalb sei nun betrachtet, woher die »geheimen Kampfmittel« von Männern und Frauen rühren, wie sie zum Einsatz kommen und welche legitimen und illegitimen Austragungsformen uns im Mitein- ander mal eben so »passieren«. | 1 | »Das Heile ist in Bezug auf Ehe abschreibbar.« Rest einer Hochzeitsdekoration am 21.2.2013 auf einer Brücke über den Rhein in Düsseldorf.
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