Leseprobe

16 Nach einem ähnlichen Prinzip hatte in Preußen Alexan­ der von Minutoli (1806–1887) im Auftrag König Friedrich Wilhelms IV. eine 1858 bereits 18000 Objekte umfassende Musterkollektion aufgebaut und als kunstgewerbliche Lehr­ sammlung im Schloss Liegnitz (Legnica, Polen) öffentlich zugänglich gemacht. Minutoli ordnete sie folgendermaßen an: Die qualitätvollsten Stücke reihte er nach Epochen, die übrigen nach Materialien (Glas, Eisen, Leinen, Wolle), um damit die Entstehung vom Rohstoff bis zum fertigen Objekt zu veranschaulichen (Abb. 1). Diese Art der Aufstel­ lung beeinflusste die frühen Kunstgewerbemuseen ent­ scheidend. Einen großen Teil von Minutolis Sammlung erwarb der preußische Staat in den Jahren 1858/62 und 1869 und überwies ihn mit Unterstützung durch die Kronprinzessin Victoria (1840–1901) wenig später an das Deutsche Gewerbe-Museum in Berlin. Victoria (Abb. 2), die Tochter des englischen Prinz­ gemahls Albert (1819–1861) und Gattin des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (1831–1888), Protektor der königlichen Museen und späterer Kaiser Friedrich III., prägte maßgeblich die Entstehung und frühe Entwicklung des Deutschen Gewerbe-Museums zu Berlin. Auch deshalb orientierte sich das spätere Kunstgewerbemuseum auf vielfältige Weise an seinem Londoner Vorbild, dem South Kensington Museum. In der Gründungsphase dachte man in Berlin zunächst an ein Institut mit zwei Abteilun­ gen. Die erste war als »Museum für ornamentale Kunst« mit angeschlossener Schule vorgesehen. Die zweite sollte eine technisch-wissenschaftliche Abteilung mit der Darstellung aller Rohstoffe, Fabrikationsstufen, Baumate­ rialien und einer Kollektion von Modellen herausragender Architekturen bilden – selbst Nahrungsmittel sollten Berücksichtigung finden. Doch in Berlin wurde, wie auch zuvor in London, das Projekt auf den Bereich der dekorati­ ven Künste eingeschränkt. Vereinzelt wurden allerdings Materialproben in die Sammlung aufgenommen, wie 1867 Muster verschiedenfarbiger Porphyrblöcke aus Schweden oder 1880 eine Kollektion von Holzproben von Baumarten der japanischen Insel Kiusin. Ein Zentralinstitut war das Ziel der Bemühungen, das einen universellen Überblick über die Entwicklung des Kunstgewerbes aller Länder und Zeiten gewähren sollte. Jedoch verzichtete der erste Direktor Julius Lessing (1843–1908) bei seiner Erwer­ bungspolitik bewusst auf die Werke des klassischen Alter­ tums, auf Ethnologika, Waffen und Münzen, mit dem Argument, dass sie bereits in anderen Museen der Stadt zu sehen seien. Die ersten Bemühungen um den Aufbau der Sammlung fanden Ende 1867 in der Zeitschrift »Kunstchronik« Erwäh­ nung. Hier wurde eine Summe von 15000 Thalern der königlichen Staatsregierung erwähnt, die in Ankäufe auf der Pariser Weltausstellung investiert werden sollte. Ferner war »ein Aufruf an die Besitzer kunstgewerblicher Erzeug­ nisse aller Art und an die Gewerbetreibenden beabsichtigt, um Proben und Erläuterungen zu den Fabricationsproces­ sen, die für die Fabrikanten ja nur relativ geringen Werth haben, von ihnen zu erhalten, und werthvollere Sachen auf einige Zeit zu einer immerwährenden Leihausstellung zu erbitten« (Kunstchronik 1867, Heft 3/4, 30). Die Erwer­ bungen der ersten Jahre zielten weniger darauf ab, heraus­ ragende Kunstwerke zusammenzutragen, sondern vielmehr sollten die unterschiedlichsten Techniken, Verarbeitungen, Abb. | Fig. 2 Kronprinzessin Victoria von Preußen förderte die Gründung und Entwicklung des Deutschen Gewerbe-Museums zu Berlin; Fotografie um 1861 Crown Princess Victoria of Prussia supported the foundation and development of the Deutsches Gewerbe-Museum zu Berlin; photograph circa 1861

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