Leseprobe
22 Eine zentrale Rolle bei den Bemühungen um die Gründung eines Gewerbe-Museums in Berlin spielte Prinzessin Victo ria von Großbritannien und Irland (1840–1901), seit 1858 Gemahlin des preußischen Prinzen – seit 1861 Kronprinz – Friedrich Wilhelm (1831–1888). Victoria hatte die enorme Bedeutung der Londoner Weltausstellungen von 1851 und 1862 sowie des 1852 gegründeten South Kensington Museums – des heutigen Victoria and Albert Museums – für die Entwicklung der britischen Wirtschaft erkannt und bemühte sich darum, in Preußen eine ähnliche Entwicklung anzustoßen. Auf ihre Anregung hin veröffentlichte der Statistiker und Ökonom Hermann Schwabe (1830–1874) im Jahr 1866 eine grundlegende Untersuchung über »Die Förderung der Kunst-Industrie in England und den Stand dieser Frage in Deutschland«. Schwabe empfahl darin, auch in Preußen ein Institut nach dem Vorbild des Londoner South Kensington Museums zu etablieren. Bereits am 1. Dezember 1866 erfolgte ein dementsprechender öffentlicher Aufruf zur Gründung eines Kunst- und Gewer bemuseums in Berlin. Einer der entschiedensten Förderer und der eigentliche Spiritus Rector des Unternehmens war der Architekt Martin Gropius (1824–1880). Am 25. März 1867 hatte sich unter dem Vorsitz von Viktor I., Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey (1818– 1893), ein Trägerverein »Deutsches Gewerbe-Museum zu Berlin« konstituiert, dessen Satzung am 5. August 1867 durch königlichen Erlass bestätigt wurde. Dieser Tag darf als das eigentliche Gründungsdatum des Berliner Kunst gewerbemuseums gelten, dem ersten seiner Art in Deutschland und dem dritten in Europa. Der damals neue Museumstyp entsprach ökonomischen Notwendigkeiten: Mit der Zunahme industrieller Massenproduktion und den seit 1851 stattfindenden Weltausstellungen geriet das Handwerk in eine bis dahin ungekannte Konkurrenzsitua tion. Satzungsgemäße Hauptaufgabe des Deutschen Gewerbe-Museums sollte es sein, »den Gewerbetreibenden die Hülfsmittel der Kunst und Wissenschaft zugänglich zu machen«. Geplant waren eine technisch-wissenschaftliche Sammlung von Proben, Produkten und Modellen sowie ein »Museum für ornamentale Kunst«, die beide als Vorbilder- und Mustersammlungen das Qualitätsbewusstsein im Handwerk und in der Industrie fördern und damit deren Wettbewerbsfähigkeit steigern sollten. Zu diesem Zweck wurde das zunächst ausschließlich von privaten Anteilseig nern finanzierte Institut in einer dreiteiligen Struktur orga Berliner Schatzhäuser LOTHAR LAMBACHER Eine kurze Chronik des Berliner Kunstgewerbemuseums
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