Leseprobe
26 waren aber von der Königgrätzer Straße 120 (heute Strese mannstraße) aus zugänglich (Abb. 2). Ganz in der Nähe lagen das zunächst vorgesehene wie auch das für den Museumsneubau ab 1877 tatsächlich verwendete Grund stück. Die baufälligen KPM-Gebäude mussten vor dem im Mai und Juni 1873 erfolgten Einzug des Museums für die provisorische Nutzung aufwendig instandgesetzt werden. Eine der Hallen wurde gänzlich, die zweite im Erdgeschoss von der Unterrichts-Anstalt sowie von Depots in Anspruch genommen. Im Obergeschoss des östlichen Gebäudes befand sich die Ausstellung in 17 Räumen auf einer Fläche von insgesamt 1752 m 2 . Große Teile der rasch anwachsen den Bestände mussten jedoch magaziniert werden. Die Übernahme eines Großteils der finanziellen Lasten durch das preußische Handelsministerium ab dem 1. Januar 1873 führte zu einer Neukonstituierung der Besitzverhält nisse des Deutschen Gewerbe-Museums. Im Vorstand des Trägervereins gewann der Staat gegenüber den privaten Anteilseignern Priorität. Auf den 1867 geplanten Aufbau einer wissenschaftlich-technischen Sammlung wurde nun endgültig verzichtet. Es galt der von Julius Lessing formu lierte Anspruch: »Die Sammlung des Museums hat in erster Reihe die Bestimmung, dem heimischen Kunstgewerbe Vorbilder zu geben. Zu diesem Behufe gilt es, das Vorzüg lichste herbeizuschaffen, was zu irgendwelchen Zeiten, in irgendwelchen Ländern auf diesem Gebiete hervorgebracht worden ist« (Festschrift 1881, 33). Der Wechsel der Zustän digkeit vom Handels- zum Kultusministerium am 1. April 1879, vor allem aber die bald darauf erfolgende program matische Umbenennung in »Kunstgewerbe-Museum zu Berlin«, die am 27. Juni 1879 durch königlichen Erlass bestä tigt wurde, bezeugen diese konzeptionelle Umorientierung des Museums. Infolge des seit 1873 gesicherten staatlichen Einflusses überließ das Handelsministerium dem Gewerbe-Museum noch im gleichen Jahr über 4000 Werke der 1869 erworbe nen kunstgewerblichen Sammlung des Liegnitzer Gewerbe dezernenten Alexander von Minutoli (1806–1887). 1874 erwarb der Staat mit dem Lüneburger Ratssilber den bedeutendsten erhaltenen Ratsschatz einer deutschen Stadt und übertrug ihn an das Museum. Schließlich wurden dem Gewerbe-Museum am 29. November 1875 rund 6500 Werke aus der aufgelösten Kunstkammer der Königli chen Museen überwiesen. Reiche Bestände an Textilkunst gelangten 1875 aus der Danziger Marienkirche sowie wenig später aus der Sammlung des Kölner Domkapitulars Alexander Schnütgen (1843–1918) in das Museum. Über 1140 Ostasiatika wurden 1879 von Max von Brandt (1835– 1920), dem kaiserlichen Gesandten in Japan, erworben. Damit hatte das Museum in den acht Jahren seines proviso rischen Domizils in den ehemaligen KPM-Gebäuden gegen über dem kleinen, zumeist aus zeitgenössischen Beispielen bestehenden Musterfundus im Diorama eine neue, überwiegend kunsthistorisch geprägte Dimension erlangt. Abb. | Fig. 3 Ausstellung indischer Kunst aus dem South Kensington Museum London im Lichthof des Gropius-Baus aus Anlass der Eröffnung des Kunstgewerbemuseums; H. Dietrich, aquarellierte Zeichnung, 1881 Exhibition of Indian art from the South Kensington Museum London in the atrium of the Gropius Building on the occasion of the opening of the Kunstgewerbemuseum; H. Dietrich, watercolor drawing, 1881
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