Leseprobe

163 JOHANN PRESTELL Grönenbach (Allgäu), datiert 1821 und 1826 Mahagoniholz und einheimische Hölzer, furniert, teilweise schwarz gebeizt; Schablonen- und Tuschmalerei und Umdruck­ technik; vergoldete Messing­ beschläge, Schnitzarbeiten, vergoldet, Beschläge in Messing, Hornrollen, Spiegel, Filz Höhe 95 cm, Durchmesser Tischkasten 45 cm, Durchmesser Tischfuß 73 cm Erworben 1991 aus Privatbesitz in Berlin Grönenbach (Allgäu), dated 1821 and 1826 Veneer consisting of mahogany and domestic woods, partially stained black; stencil and ink painting, transfer printing; gilded brass fittings, gilded carving, brass fittings, horn castors, felt Height 95 cm, diameter 45 cm (table cabinet), 73 cm (table leg) Acquired in 1991 from a private collection in Berlin Inv. Nr. W-1991,105 Das mit kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasten gestaltete Tisch­ chen zeigt enge Verwandtschaft zu den sogenannten Globustischen, die mit der Form ihres Tischkastens an die Erdkugel erinnern. Wie auch bei ihnen findet sich in seinem Inneren eine sehr feine Facheinteilung, die über herausnehmbare Einsätze, Spielbretter, Klappen und schwenkbare Elemente zugänglich ist. Im Zusammenspiel mit den kugelförmigen Rundungen ist besondere Präzision erforderlich, die ein solches Möbel zu einem aufwendigen handwerklichen Kunststück geraten lässt. Im Allgemeinen war Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für solche Möbelkunst berühmt, und so überrascht es zunächst, dass eine verdeckte Signatur einen Tischlermeister namens Johann Prestell in einem kleinen Ort im Allgäu als Schöpfer benennt. Die weitere Nachforschung jedoch zeigt, dass Prestell in einer zeitgenössischen Anzeige damit warb, vergleichbare »Drehpulte mit 4 Fächern« zu fertigen, »die sich drehen, ohne daß die darin befindlichen Schreib­ materialien in Unordnung geraten«. Das kleine Möbel ist ein schönes Beispiel für die hand­ werklich hochwertige, auf Zweckmäßigkeit bedachte, ambitionierte Möbelkunst des Biedermeier, die dabei von einer Vielzahl von Ansprüchen des gehobenen Bildungs­ bürgertums getragen war. So wird in der Gestalt des Tisch­ kastens in gedrungener Proportion der klassische Rundtem­ pel der Antike zitiert, auf seiner Außenwand sind in Tusch­ malerei – zur Sicherheit namentlich bezeichnete – Idealpor­ träts angebracht, die mit der Autorität antiker Philosophen, Dichter und Göttinnen Tugend und Moral gebieten. Das kleine Porträt auf dem Scheitel des Deckels schließlich trägt zeitgenössische Kleidung und individuelle Züge und kündet von der stolzen Besitzerin des Möbels. This table, with its powerful light-dark contrasts, displays close affinities with the so-called globe table, which recalls a terrestrial globe by virtue of its cabinet portion. Here, as in such items of furniture, we find an exquisite arrange­ ment of internal compartments, which are accessible via removable inserts, game boards, flaps, and swiveling inserts. A high level of precision is required to perfect the spherical curvatures, making such an item of furniture an elaborate technical tour de force. Vienna was famous for such pieces during the first half of the 19th century, leading to initial surprise when a hidden signature identifies its creator as a master carpenter by the name of Johann Prestell, who resided in a small locale in the Allgäu region. Further research reveals however that in a contemporary advertisement, Prestell offered to make comparable “rotat­ ing desks with 4 compartments,” “which rotate without the writing materials within becoming disordered.” This small item of furniture is a lovely example of the technically high-quality, practically oriented, ambitious furnishings of the Biedermeier era, sustained by the varied demands of the affluent, educated middle classes. Cited by the cabinet of the table, albeit in rather squat proportions, is a circular classical temple, whose outer wall displays idealized portraits (each specifically named for good measure), which demand virtue and morality with the authority of the ancient philosophers, poets, and goddesses. The small portrait of a woman on the apex of the lid, finally, wears contemporary clothing and displays individualized features, and is hence identifiable as the table’s proud owner. | AS Lit.: vgl./see Ottomeyer/Schlapka 1991 | vgl./see Kat. Wien 1996.

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