Leseprobe
12 »Sammler sind glückliche Menschen!« (Johann Wolfgang von Goethe) Zur Entstehung der Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums Das Sammeln – ein Grundzug menschlichen Verhaltens – gehört neben dem Bewahren und Erforschen zu den Grund elementen der Museumsarbeit. In der kulturellen Perspek tive war das Sammeln von schönen Dingen und Kunst gegenständen stets verbunden mit Wissenszuwachs und -transfer sowie mit der Wertschätzung von Handwerk und Kunstsinn. Die Gegenstände erregten Aufsehen wegen ihrer charakteristischen Materialität, der besonderen Fertig keit zu ihrer Herstellung, ihrer ästhetischen und künstle rischen Qualitäten. Es gibt unzählige Arten des Sammelns und des Zurschaustellens: Bewundern und Erstaunen ist eine große Linie, Erkennen und Verstehen eine andere. Früh wurden Kunst- und Wunderkammern oder Kunstkabi nette in fürstlichen Schlössern und in reichen Patrizierhäu sern angelegt. Sie dienten nicht nur der privaten Erbauung des Sammlers, sondern wurden vielmehr aus Gründen der Repräsentation, Reputation und nicht zuletzt der Bildung vorgezeigt. Seit dem 18. Jahrhundert gingen aus gleichem Antrieb verstärkt auch Bürger dem Kunstsammeln nach. Viele dieser unterschiedlichen Sammlungen bilden heute den Grundstock von Museen. Doch wie setzten sich die Sammlungen des 1868 in Berlin eröffneten Kunstgewerbemuseums zusammen? Das Museum war das erste seiner Art in Deutschland und stellte einen völlig neuen Museumstyp dar. Es widmete sich ausschließlich dem Kunstgewerbe, den angewandten oder industriellen Künsten, und sollte eine Verbindung zwischen Kunst und Industrie knüpfen. Im Zusammenhang mit den sozialen Utopien des 19. Jahrhunderts hatte es die Aufgabe, den Geschmack von Handwerkern, Fabrikanten und den bis dahin wenig am Konsum teilnehmenden Käuferschichten zu schulen. Einerseits sollte durch bessere Ausbildung der Entwerfer und Gewerbetreibenden die Qualität der Konsumgüter gehoben und somit die Wirt schaft gefördert werden, andererseits sollten möglichst viele Menschen an Kunst und Design teilhaben können. Entsprechend waren die Sammlungen des zunächst »Deut sches Gewerbe-Museum zu Berlin« genannten Instituts in erster Linie nicht für den Kunstkenner gedacht, sondern für ein weitgefächertes Publikum. Im Vordergrund standen die praktische Ausbildung am Objekt und die Schulung an Beispielen herausragender Erzeugnisse des Kunsthand werks. Die Besucher sollten, so hoffte man, durch erbau liche Anschauung zu Geschmack und bewusstem Konsum erzogen werden. SABINE THÜMMLER
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