Leseprobe
14 Zur Entwicklung des Typus der Kunstgewerbemuseen trugen aber auch veränderte Sammelbedingungen bei. So entstanden im Zuge der Säkularisation Sammlungen mittelalterlicher Kunst mit überwiegend kunstgewerblichen Objekten, wie das von Alexandre Lenoir (1761–1839) gegründete Musée des Monuments français in Paris. Hier galt es, die Werke mittelalterlicher Kunst nach der Franzö sischen Revolution als Zeugen nationaler Vergangenheit für die Nachwelt zu sichern. Lenoir ließ ihre Aufstellung im Kloster der Petits Augustins erstmals strikt der Chronologie folgen. Daneben entstanden seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nationale Modell- und Produktsammlun gen, wie das 1794 in Paris gegründete Conservatoire des Arts et des Métiers oder das k. k. Fabriksprodukten-Kabinett in Wien 1807. In Preußen existierte bereits 1796 ein Waren kabinett, doch scheint es nicht lange betrieben worden zu sein. Ziel und Zweck dieser Kabinette war es, Kollektionen von Musterstücken und vorzüglichen Fabrikprodukten zusammenzutragen und damit letztlich den Fortschritt des Landes und das Know-how in der zunehmend industriellen Fertigung zu dokumentieren. Abb. | Fig. 1 Alexander von Minutoli: Vorbilder für Handwerker und Fabrikanten, Liegnitz 1855, Fotografie 108: 36 verschiedene Fayence-Gefäße aus deutschen, italienischen, niederländischen und englischen Werkstätten, 17./18. Jahrhundert Alexander von Minutoli, Vorbilder für Handwerker und Fabrikanten, Liegnitz 1855, photograph 108. Thirty-six faience vessels from German, Italian, Dutch, and English workshops, seventeenth and eighteenth centuries Dieser Wissenstransfer war bei der Gründung der Gewerbemuseen ein treibender Faktor. Ab den 1840er Jahren verstärkten sich die Initiativen zur Gewerbeförde rung im internationalen Austausch zwischen Deutschland, England und Frankreich. So wurde beispielsweise als ein erster Vorläufer der späteren Kunstgewerbemuseen 1848 in Stuttgart die Centralstelle für Gewerbe und Handel für das Königreich Württemberg ins Leben gerufen. Die grundlegende Idee war die Etablierung eines umfas senden Instituts mit einer direkten Verbindung von Kunst, Industrie und Ressourcen. Neben verschiedenen gewerb lichen und künstlerischen Ausbildungsstätten wurde ein weitgefächertes Musterlager angelegt, beginnend bei Rohmaterialien, Werkzeugen und Maschinen über physi kalische und horologische Instrumente bis hin zu Geweben, Stickereien und anderen kunstgewerblichen Objekten. Damit war jenes Konzept geboren, mit dem das 1852 in London gegründete South Kensington Museum, das spätere Victoria and Albert Museum, zum erfolgreichen Vorbild für zahlreiche Museumsgründungen auf dem Kontinent werden sollte.
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