Leseprobe
156 5 in Mitteldeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg prägenden Schlossneu- und Schlossumbauten war der Sondershäuser »Barock«- Umbau eines der späten Projekte. In Thüringen gingen insbesondere von den sich aus der Gothaischen Erbteilung von 1680 ergebenden Schlossbauten Signale aus, die auch den Konkurrenzneid aktivierten. Gerade ein die Fürstung anstrebender und schließlich gefürsteter Poten tat wie Christian Wilhelm stand in der Pflicht, seinen Anspruch bzw. Status weithin wahrnehmbar darzustellen. Doch muss es auch unspektakuläre, mit der Baususbtanz des Son dershäuser Schlosses verbundene Gründe für den Umbau gegeben haben. Das zwischen 1534 und der Mitte des 16. Jahrhunderts entstan dene Schloss hatte eineinhalb Jahrhunderte ohne substantielle Um bauten und Erneuerungen existiert. Als bedeutendste Eingriffe bzw. Ergänzungen sind Baumaßnahmen wie die Neudisponierung und -dekoration von Räumlichkeiten im 1. Obergeschoss des Schlossturmes (um 1615), die Umnutzung eines Saales im Nordflügel zur Schlosskapel le (1640er-Jahre) und die Errichtung eines als Nebengebäude realisier ten »Reitstalls« (1660er-Jahre) – vermutlich anstelle eines Vorgänger baus – nachweisbar. Der Gesamteindruck, den das Schloss um 1690 vermittelte, dürfte noch weitgehend mit dem von 1550 identisch ge wesen sein. Nicht auszuschließen ist, dass die alte Bausubstanz in Teilen, so z. B. den Giebeln und Zwerchhäusern des »Renaissance«- Schlosses, verschlissen war. Auch Anton Günther II. ließ an seinem Residenzschloss in Arnstadt bauen. Doch waren die 1694 / 95 am Schloss Neideck begonnenen Ar beiten nicht wie die in Sondershausen auf substantielle Veränderun gen am Äußeren angelegt. Die »klassische« Vierflügelanlage von Schloss Neideck blieb erhalten, Umbauten beschränkten sich hier auf das Innere. Quellenlage – Zum Bauablauf und Charakter des Umbaus. Die Baumaßnahmen am Schloss knüpften an das um 1690 seinem Ende entgegengehende Baugeschehen an der Sondershäuser Stadtkirche St. Trinitatis an. Das 1608 bis 1620 erbaute, aber schon 1621 abge brannte Gotteshaus, das im Laufe der Jahrzehnte mehrfach proviso risch instandgesetzt worden war, hat seine definitive, dem Fürsten Christian Wilhelm zu verdankende Wiederherstellung erst in den 1680er-Jahren erfahren. Die Weihe dieser Kirche fand im Jahr der Er hebung in den Reichsgrafenstand, am 25. November 1691, statt. Der Fürstenstand wurde mit den Wappen, Kronen und Monogrammen Christian Wilhelms, seiner verstorbenen und seiner zweiten Gemahlin geschmückt. 21 Mit dem beginnenden Schlossumbau verlagerte sich das Bauge schehen aus der Stadt auf den Schlossberg. Der Umbau des Süd- und Ostflügels setzte 1689 ein und wurde im Verlauf der 1690er-Jahre rea lisiert. 22 Der Ablauf des Baugeschehens ist aufgrund der Quellenlage nur generell, nicht aber im Detail fassbar. Pläne und Entwürfe, Ge dinge, Rechnungslegung und Kostenanschläge sind nicht überliefert. Immerhin sind aus den spärlichen Quellen die Protagonisten der Bau- und Ausstattungsmaßnahme – der Architekt, einige Bauhand werker, die Stuckateure und vielleicht an der dekorativen Ausstattung beteiligte Hofmaler – ansatzweise herauszulesen. Anhand dieser Da ten ist es zumindest möglich, Eckpunkte zu setzen und die Entwick lung grundsätzlich zu bewerten. Obwohl die Schlossbaurechnungen nicht und die Sondershäuser Renteirechnungen erst von 1695 / 96 an (ohne Belege) erhalten sind, kann der Beginn des Schlossumbaus auf 1689 datiert werden. In den Sondershäuser Konsistorialakten findet sich der Text eines aus Anlass der bevorstehenden Baumaßnahme verrichteten Kollektivgebets, das in der Stadtkirche St. Trinitatis gesprochen wurde. Dieser Text, der nur als mit Korrekturen durchsetztes Konzept überliefert ist, lautet: »Ge betsformel Wegen Vorhabenden Schloßumbaus Zu Sondershausen anno 1689.90. Demnach bey hiesigem, Gräffl. Residentz-Hause ein nothwendiger Bau vorgenommen werden müssen, als flehen Wir den Höchsten Gott an, dass er solches werck auß der Höhe segnen, die daran arbeiten, ihre Hände und Arme stärcken, sie durch seiner Engel Macht schütze, vor aller Gefahr gnädigst bewahren wolle, damit dieses wichtige [Werk] wohl von statten gehen, beqvehm und glücklich hin auß geführet, und dieses Hauß von Ihr. Hochgräffl. Gnd. Unßerem gnäd. Herrn und Dero Hochgräffl. Nachkommen viele Jahre lang in vollen Segen und Flor besessen werden möge. Das gieb o Herr aller Herren! Amen!« 23 In den jeweils von Michaelis zu Michaelis geführten Renteirech nungen, in denen die für den laufenden Unterhalt der herrschaftli chen Bauten ausgegebenen Beträge abgerechnet wurden, finden sich Abb. 136 Sondershausen von Nordosten, Gemälde, Aussschnitt aus dem Sondershausen-»Prospect« von Johann Alexander Thiele, 1736 (Schlossmuseum Arnstadt B 96).
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