Leseprobe

153 Die Figur weist keine dekorativen Elemente auf. Allein in der Gestaltung der Haartracht mit langem, in die Frisur eingearbeitetemSchleier ist ein Interesse an einer ornamentalen Auf- fassung von Details zu erkennen. Der Kopf der Figur zeichnet sich durch die extrem hohe Stirn und den weit zurückliegenden Haaran- satz aus. Über dem mittig gescheitelten Haar sind mehrere Bänder quer gelegt, dahinter liegt der hoch in die Frisur gesteckte Schleier auf, der bis über die Schulter in glatten Falten herunterreicht. Das Haar selbst ist aufwendig gestaltet, je zwei breite geflochtene Strähnen sind über den Schläfen symmetrisch in- und übereinander gelegt. Einzelne in sich ge- drehte Locken sind über den schon genann- ten quer liegenden Bändern zu sehen, lange Strähnen sind seitlich des Schleiers zu erken- nen und liegen auf den Schultern auf. Die Skulptur wird hier erstmals einem in Braunschweig tätigen Bildhauer zugeschrie- ben. Der aus dem Badischem stammende Balthasar Kircher erwarb 1591 das Braunschwei- ger Bürgerrecht und arbeitete mindestens bis 1601 in der Stadt. 1 Wesentlichen Anteil hatte er mit seiner Werkstatt an der Gestaltung und Ausführung der Ostfassade des Braunschwei- ger Gewandhauses in den Jahren 1590 und 1591. Wenig später führte er die Fassade der Martinsschule am Bankplatz mit ihrem um- fangreichen Tugendprogramm aus. Zwar wurde die Schule und mit ihr der Skulpturen- schmuck der Fassade 1945 beim Luftangriff auf Braunschweig zerstört, das Hauptportal aber überdauerte den Zweiten Weltkrieg. Es befindet sich heute in der Fassade des Aula-Gebäudes des Gymnasiums Martino-Katha­ rineum an der Breiten Straße. Wie Paul Jonas Meier, der die Fassade der Schule 1936 erst- mals und auf der Grundlage der damals er­ haltenen Rechnungen und Akten Balthasar Kircher zuschrieb, zuerst dargelegt hat, schmü- cken Darstellungen der Sieben Freien Künste das von Hermen flankierte, reich ausgestat- tete Portal. Schon Meier erkannte zwei an der Fassade der Martinskirche tätige Hände, ei- nen Meister, der die beiden seitlich auf eige- nen Sockeln positionierten Figuren geschaf- fen hatte und dem er auch das übrige, heute verlorene Fassadenprogramm zusprach, und einen anderen, wohl Kircher selbst, der die Hauptfiguren des Portals geschaffen habe. 2 Insbesondere den beiden fast freiplastisch gegebenen Standfiguren, Rhetorik und Arith- metik vorstellend, die das Relief mit der Man- telspende des hl. Martin in der Mitte der Por- talsbekrönung flankieren, steht die hier be- sprochene Skulptur nahe – sowohl in motivi- scher Hinsicht, mit Blick auf die Bestandteile der Kleidung und Gestaltung des Gewands, als auch in stilistischer, demstarkenS-Schwung in der Haltung und dem Sich-Abzeichnen der Gliedmaßen im Stoff des Gewandes. Ebenso legen Motive wie der im Gewand sichtbare Bauchnabel den Schluss nahe, dass alle Figu- ren von derselben Hand ausgeführt wurden oder zumindest einem künstlerischen Umfeld entstammen. Auch wenn die Gestaltung im Detail abweicht, die Stofflichkeit des Gewands etwa und das Faltenspiel in seiner Auffassung nicht identisch sind, sondern in der rundplas- tisch aufgefassten Figur aus dem Bestand des Museums weiter durchgebildet und feiner ausgearbeitet sind, ist die Zuschreibung an Balthasar Kircher sehr naheliegend. Als Teil des heute verlorenen Tugendpro- gramms ist die Figur mit Sicherheit nicht an- zusprechen, auch wenn die ungewöhnliche Gestaltung des Kopfputzes etwa auf eine alle- gorische Darstellung wie diese schließen lässt. Die Skulptur ist in den Inventaren des Kunst- und Naturalienkabinetts nicht nach- weisbar und wird erstmals 1887 von Herman Riegel verzeichnet. Allerdings rufen die in Gips ausgeführten Ergänzungen beider Arme und des großen Zehs des rechten Fußes Res- taurierungen an anderen Skulpturen des Be- standes in Erinnerung (Kat. Nr. 68, 78 und 79), die wohl schon in der Zeit des Kunst- und Na- turalienkabinetts ausgeführt wurden. K. G. Literatur Riegel 1887, S. 274, Nr. 70 Anmerkungen 1 Vgl. zu Balthasar Kircher Meier 1936, S. 25–35. | 2 Meier 1936, S. 32. 48 – 53 Sieben Kinderfiguren Johann Georg Kern (1622–1698) zugeschrieben, 2. Hälfte 17. Jahrhundert Inv. Nr. Ste 47–52 48 Zwei sich umarmende Kinder Inv. Nr. Ste 47 H 52 cm, B 27,5 cm, T 16 cm; H 45 cm, B 24,5 cm, T 15,5 cm o. Sockel Alabaster Bestoßungen, rechter Fuß des Mädchens und Teile des Sockels abgebrochen, alte Er- gänzungen aus Alabaster an Hinterkopf und Rücken des Mädchens; 2016 aus mehreren Teilen wieder zusammengesetzt 49 Ein Junge mit einem Löwen Inv. Nr. Ste 48 H 53,2 cm, B 19,3 cm, T 18 cm; H 47,2 cm, 17,5 cm, T 17 cm o. Sockel Alabaster Bestoßungen und Kratzer 50 Ein Junge mit einem Fruchtkorb Inv. Nr. Ste 49 H 52,7 cm, B 20 cm, T 15,2 cm; H 46,5 cm, B 18,2 cm, T 15,2 cm o. Sockel Alabaster Bestoßungen und Kratzer 51 Ein Junge mit einem kleineren, Flöte blasenden Kind auf den Schultern Inv. Nr. Ste 50 H 52,2 cm, B 16,7 cm, T 18,1 cm; H 47 cm, B 14 cm, T 16,8 cm o. Sockel Alabaster Bestoßungen und Kratzer und großer Zeh des rechten Fußes des großen Kindes, gro- ßer Zeh des kleinen Kindes abgebrochen, Ergänzungen am Sockel

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