Leseprobe
155 nismäßig klein proportionierten Löwen legt, der vor ihm auf den Hinterläufen steht. Die Skulptur wiederholt damit eine typische Bild- formel, die sowohl als Darstellung der Tapfer- keit, also als Tugendallegorie, als auch als Sinnbild für den Tastsinn, das Fühlen, ge- bräuchlich ist. Die dritte Skulptur lässt sich als Allegorie auf den Geschmackssinn deuten (Kat. Nr. 50): Mit der linken Hand greift der Knabe in einen üp- pig mit Obst gefüllten Korb, der auf einem Baumstumpf neben ihm steht. Darin sind Gra- natapfel, Trauben und Melone zu erkennen. Mit der rechten Hand präsentiert er einen Apfel. Auch dieses Kind erscheint etwas älter und ernster als die beiden Kinder der zuerst bespro- chenen Gruppe, aber jünger als das zweite. Die vierte Skulptur (Kat. Nr. 51) zeigt einen kraftvoll voranschreitenden Knaben, der ein sehr viel kleineres Kind auf den Schultern trägt. Dieser kleine Knabe hält eine Tröte in der linken Hand, in die er mit vollen Wangen hineinbläst. Am ehesten handelt es sich hier- bei um eine Darstellung des Hörens. Auch hier ist die Verbindung der beiden Figuren mitein- ander durchdacht: Der größere Junge umgreift sichernd den Fuß des Kleineren, der wiederum in das Haar des Jungen fasst, um sicher auf dessen Schultern sitzen zu können. Überra- schenderweise ist bei dieser Figur, wie auch bei der zuvor besprochenen, Wert darauf ge- legt, dass die Scham bedeckt ist. Ein großes Tuch hält der Knabe im Gehen vor seinen Schoß, sodass es unten auf der Plinthe auf- stößt und auch für den Aufbau der Skulptur eine zusätzliche Sicherheit bietet. Huckepack- gruppen wiederum lassen sich mehrfach im Umfeld Leonhard Kerns nachweisen. 4 In der fünften Figur ist nicht eine Tugend oder einer der menschlichen Sinne dargestellt, sondern das berühmte und in der Barockzeit weit verbreitete Motiv des »Homo bulla« (»Der Mensch ist wie eine Seifenblase«), des Seifen- blasen machenden Knaben (Kat. Nr. 52). Da- bei handelt es sich um ein typisches Vanitas-Motiv. Den linken Fuß auf einen menschlichen Schädel gesetzt, der dem Betrachter in anato- mischer Korrektheit von der Unterseite her präsentiert wird, wendet sich der Knabe leicht nach links. Er hält in der linken Hand die Sei- fenschale, die aus der Hälfte einer Jakobs muschel besteht, mit der rechten hält er das Röhrchen an seinen Mund, große Blasen zei- gen sich an dessen Ende. Wie die anderen Figuren auch, ist dieser Knabe kein Säugling mehr, eher ein erwachsen wirkendes Klein- kind, das mit üppigen Locken gezeigt wird. Das dargestellte Thema war in der Barockzeit weit verbreitet, besonders in der Druckgraphik finden sich zahlreiche Beispiele für dieses Motiv. 5 Die letzte der Skulpturen, die zu dieser Gruppe gehören, ist ein Knabe, der ein Lamm mit ei- nem Büschel Gras füttert (Kat. Nr. 53). Den rechten Fuß leicht vorgestellt, die linke Hand flach und erwachsen auf den Rücken gelegt, kümmert er sich um das – wie auch der Löwe – sehr klein gestaltete Lamm, zu dem er mit leicht gesenktem Blick hinabschaut. Dieser Knabe versinnbildlicht abermals den Ge- schmack, könnte aber auch im Sinne einer Allegorie auf die Fürsorge verstanden werden. In dieser Figur ist der ausschlaggebende Hin- weis auf die Zuschreibung der Gruppe, die bisher mit keinem Künstlernamen in Zusam- menhang gebracht worden ist, an einen be- stimmten Künstler aus dem Umfeld Kerns zu sehen. Die Gestaltung von Kopf und Gesicht lässt sich sehr gut mit den Kinderfiguren ver- gleichen, die Johann Georg Kern, ein äußerst produktiver und selbst mit dem Rückhalt einer großen Werkstatt tätiger Bildhauer, zuge- schrieben werden. 6 Hierzu zählen das etwas verkniffene kindliche Gesicht mit breiter Nase und schmalem Mund und insbesondere die wie eine Perücke aufgesetzt wirkenden Haare, die sich in kreisförmige, in sich gedrehte Lo- cken legen. Auch die Caritas mit drei Kindern, die sich in der Braunschweiger Sammlung be- findet (Kat. Nr. 54), kann Johann Georg Kern zugeschrieben werden; es liegt nahe, anzu- nehmen, dass alle Figuren zusammen in die Sammlung gelangten, wenngleich der Zeit- punkt, zu dem dies geschah, unbekannt ist. Aufgrund verschiedener Details, wie den schon oben angeführten Plinthen, aber auch der grundsätzlichen Auffassung der Figuren, insbesondere des Körperbaus, ist die Zu- schreibung aller Figuren an Kern naheliegend. 51 52 53
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