Leseprobe

14 Seit jeher stehen dem Goldschmied verschiedene, wenngleich be­ schränkte Mittel der farbigen Gestaltung seiner Arbeiten zur Verfü­ gung. Zu den ureigenen Techniken des Handwerks gehört zunächst die Strukturierung der Silberoberflächen mittels unterschiedlicher Punzen und Stichel, die zwar keine Farben, doch zumindest eine bestimmte Stofflichkeit suggerieren kann. Im Fall vonWappendar­ stellungen symbolisieren derartige Schraffuren oder Punktierungen sogar ganz konkrete Farben, etwa Punktierung für Gold, waagerechte Linien für Blau, senkrechte Linien für Rot. Auf zahlreichenObjekten ist der gezielte Einsatz von Vergoldung anzutreffen, durch die bestimmte Partien hervorgehoben werden können. Als Beispiel sei der eine höchst differenzierte Oberflächen­ gestaltung aufweisende Jupiterpokal von Niclaus Schmidt genannt (s. Abb. 4, S. 102), bei demdie Körper Jupiters und Neptuns weißsil­ bern belassen wurden, um die vergoldeten Gewänder, Haare und Attribute wirkungsvoll davon abzugrenzen. Für eine Farbigkeit im engeren Sinne musste der Goldschmied dann allerdings zu anderen Mitteln und Techniken greifen: Eine Option bildete die Verwendung von Farbsteinen, welche nicht nur als schmückender Zierrat, son­ dern durchaus auch zur realistischeren Wiedergabe bestimmter Details dienen. So wirkt etwa der Drache des Prunkgefäßes von Johann Heinrich Köhler durch die Augen in Form eingesetzter Gra­ nate ganz besonders lebendig (Abb. 1). Die vielfältigsten Variationen, Goldschmiedewerke zu kolorieren, boten die verschiedenen Verfahren der Emaillierung, die allerdings aufgrund der relativ komplexen Arbeitsschritte und der notwendi­ gen Brennvorgänge mit einem hohen Aufwand verbunden waren. 1 In erster Linie grafischen Charakter besitzt der vor allem im 12. und 13. Jahrhundert verbreitete Grubenschmelz (émail champlevé), der dann von der innovativen Erfindung des Tiefschnittemails (émail en basse-taille) weitgehend abgelöst wurde. Bei Letzterem sindmit dem Grabstichel flache Vertiefungen in denmetallenen Träger zu schnei­ den oder – seltener – zu ziselieren, in die dann die zumeist translu­ ziden Glasflüsse eingeschmolzen werden. Derartige weißsilberne, silbervergoldete oder goldene Plaketten, Friese oder Medaillons mit floralen Ornamenten und figürlichen Darstellungen waren in den Jahrzehnten um 1600 aufgrund der Leuchtkraft der Emails vor allem in Nürnberg und Augsburg beliebte Mittel, eine Gold­ schmiedearbeit aufzuwerten (Abb. 2). Ulrike Weinhold Möglichkeiten der Polychromie in der Goldschmiedekunst Einen eher malerischen Charakter besaß das in der französisch-burgundischen Hofkunst des frühen 15. Jahrhunderts aufkommende Maleremail, 2 das im französischen Limoges in weiterentwickel­ ter Formvom 16. bis zumBeginn des 17. Jahrhunderts eine Blütezeit erlebte. Die Technik wurde zunehmend verdrängt von der wohl in den 1630er Jahren in Blois aufkommenden Emailmalerei, die zu­ nächst zur Verzierung von Golddosen und Taschenuhren diente. Für die Anwendung imBereich der Gefäßdekoration spielten in der Folge Nürnberg und später auch Augsburg eine wichtige Rolle. Dort entstanden Goldschmiedearbeiten, in deren Wandung Emailme­ daillons mit allegorischen oder mythologischenMotiven eingesetzt wurden. Einen Höhepunkt dieser Gattung bilden die um 1700 in Augsburg entstandenen silbervergoldeten Tee-, Kaffee- und Likör­ service mit großflächig angelegten und teils komplexen Malereien auf emailliertem Kupferblech (Abb. 3). In den 1670er und 1680er Jahren war die Vorliebe für ein stark farbiges Erscheinungsbild von Silbergefäßenwohl am stärksten aus­ geprägt. Besonders in der Goldschmiedemetropole Augsburg ist eine große Bandbreite polychromer Gestaltungskonzepte für diese Zeit zu beobachten. In vielen Varianten zum Einsatz kam das soge­ nannte Reliefemail, bei demaus dünnemSilberblech Reliefs heraus­ getrieben wurden, die man dann mit weißem opakem Email über­ zog und bunt bemalte. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das umfangreicheŒuvre Hans JakobMairs, der zahlreiche europäische Fürstenhäuser mit derlei aufs Kostbarste ausgezierten Werken be­ liefert hat. 3 Erwähnt sei hier die Tischuhr des Grünen Gewölbes, die sich durch einen überaus opulenten Besatz unzähliger Farbsteine und Ranken in Reliefemail auszeichnet, welche die Oberflächen des Uhrengehäuses fast komplett bedecken (Abb. 4). Hinzu tritt die farbig gefasste Figur eines Kameltreibers aus Buchsbaummit Beinen aus Perlmutter. Auch die Montierungen der Steine sind mehr oder weniger aufwendig mit einer Farbfassung versehen, die teilweise eine Krappenfassung vortäuschen soll. Es wird hier deutlich, dass verschiedene Verfahren durchaus parallel und gleichberechtigt zum Einsatz kamen, um sich gegenseitig zu ergänzen. Farbige Akzente auf Goldschmiedearbeitenwaren darüber hinaus auch mithilfe der Hinterglasmalerei zu erzielen, bei der neben opa­ ken bzw. transparenten Mal-/Lüsterfarben auch Metallfolien oder -pulver verwendet wurden. In verschiedenen Spielarten wie etwa I.2

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