Leseprobe

I Teilpolychromie von Goldschmiedeobjekten – eine Einführung  ® I.2 17 der Amelierung kamdiese Technik allerdings nicht unmittelbar auf der Silberoberfläche zur Ausführung, sondern auf einem Träger aus Glas oder Bergkristall, denman dann an den Goldschmiedeob­ jekten anbrachte (s. Kap. V.4). 4 Besonders häufig findet man diese Technik bei Wappenmedaillons, die etwa von einer Trägerfigur gehalten werden 5 oder aber in den Deckel eines Gefäßes eingesetzt waren (s. Abb. 9, S. 87). 6 Diese bunt leuchtenden Amelierungen haben nicht nur einen dekorativen Reiz, sondern führen aufgrund der polychromen Darstellung auch zu einer besseren Erkennbar­ keit der Wappenbilder, die auf die ehemaligen Besitzer hinweisen sollen. Bei den beiden doppelwandig gearbeiteten Augsburger Be­ chern von Hans Selber werden sie zum bestimmenden Gestal­ tungselement und bilden optisch eine Einheit mit der vergoldeten Silberfassung (Abb. 5). 7 Zuletzt sei noch die Möglichkeit erwähnt, Silberoberflächen zu schwärzen. Dies konnte mithilfe des Niello geschehen, einem auf­ wendigen Verfahren, bei dem eine aus Silber, Kupfer, Blei, Schwefel und Borax bestehende Masse in Vertiefungen des Metalls eingefüllt und dann gebrannt wird. Durch das abschließende Polieren der Oberfläche entsteht der Eindruck einer dunklen, zuweilen auch bläulichen Bemalung, was gut bei einemmit Niello verzierten Birnen­ pokal aus dem ehemaligen Praun’schen Kabinett zu erkennen ist (Abb. 6). 8 Im Inventar von 1616 ist dieses Gefäß als »weiße pirn von silberplaich gemalet«, im Inventar von 1719 als »weiße pirn von silber blau gemalet« aufgeführt. 9 Wie der kurze Überblick über die Techniken und die beispielhaft aufgeführtenWerke zeigen, wurden über Jahrhunderte hinweg immer wieder neue oder modifizierte Möglichkeiten der farbigen Gestal­ tung gesucht, die das Erscheinungsbild von Goldschmiedewerken ganz maßgeblich prägen sollten. 1  Zu den zahlreichen Techniken der Emaillierung vgl. grundlegend Speel 1998; Weinhold 2011/2012 und Biron 2015.   2  Zu den Anfängen des Maleremails im Dienste der Heraldik vgl. Trnek 2001.   3  Vgl. Weinhold/Begov 2002.   4  Vgl. zu dieser Technik Bretz 1999 und Bretz/Hagnau/Hahn/Ranz 2016. Auf die im Laufe der Zeit wechselnden Bezeichnungen der einzelnen Verfahren wird in Kap. I.3 eingegangen.   5  Bspw. das Trinkgefäß in Gestalt einer Eule, wohl süddeutsch, um 1540, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. IV302; vgl. Hamburg/New York/Rom 2004/05, S. 242f., Nr. 127.   6  Vgl. Innsbruck 2012, S. 150f., Nr. 2.36.   7  Vgl. Wein- hold/Bretz 2013.   8  Das Praun’sche Kabinett war eine berühmte private Kunst- sammlung in Nürnberg, die vom Kaufmann Paulus II. Praun begründet wurde. Sie bestand bis ins frühe 19. Jahrhundert; Objekte daraus sind heute in Samm- lungen weltweit verteilt.   9  Achilles-Syndram 1994, S. 110, Nr. 17, S. 370, Nr. 1869 sowie Abb. 75. Abb. 4 Tischuhr Hans Jakob Mair, Augsburg, um 1673–1677, Silber, vergoldet, Farbfassung, Edelsteine, Perlmutter, Email, Kupfer, Messing, Eisen, Stahl, H. 25 cm, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nr. V 594f Abb. 5 Paar Doppelwandbecher mit Hinterglasmalerei Hinterglasmalerei: wohl Nikolaus oder Virgil Solis, Gold­ schmiedefassung: Hans Selber, Augsburg, 1571–1584, Glas, Hinterglasmalerei, Silber, vergoldet, H. 14,8 cm, SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nrn. IV208 (rechts) und IV273 (links) Abb. 6 Birnenpokal mit Deckel (sogenannte Praun’sche Birne) Wohl Hans Pflaum, Ulm, 1576, Silber, teilweise vergoldet, nielliert, H. 23,9 cm, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. HG4062_1 (Leihgabe der Friedrich von Praun'schen Familienstiftung) √

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