Leseprobe
Bis 2014 fand am Grünen Gewölbe nur eine punktuelle, meist an einzelne Objekte gebundene Untersuchung von Farbfassungen statt. Die vielseitigen Befunde an den Goldschmiedewerken und die durch Quellen sehr gut belegte Sammlungsgeschichte des Hauses ließen imRahmen des Projekts einen Zugang auf mehreren Ebenen sinnvoll erscheinen. Ziel sollte es sein, durch ein enges Ineinander greifen der kunsthistorischen, technologischen und naturwissen schaftlichen Untersuchungen den bisherigen Betrachtungshorizont zu erweitern. Ausgehend von den Befunden am Objekt und der archivalisch belegten Überarbeitung zahlreicher Farbfassungen im Jahr 1724 (s. Kap. III.1) stand anfänglich die Datierung der Farb schichten im Fokus des Interesses. Wesentliche Hinweise darauf lieferten die Inventare der Kunst kammer und des Grünen Gewölbes. Recht bald bestätigte sich die Vermutung, dass dieser dekorativen Gestaltungstechnik über einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren hinweg ein hoher Stellenwert zukam (s. Kap. V.5). Die Erkenntnisse dieser Quellenstudien sowie die Befunde an den Kunstwerken bestimmten maßgeblich die Wahl der weiterführen den naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Durch die Vielzahl der entnommenen und analysierten Proben konnten erst mals objektübergreifende Zusammenhänge dargestellt werden. Die ersten Teilergebnisse wurden im Rahmen der Tagung der Freunde Historischen Silbers imMai 2016 in Dresden und im darauffolgen den Jahr in einem Beitrag in der Fachzeitschrift »Restauro« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1 Unerwartet schwierig gestaltete sich die genaue Datierung der Farbschichten, etwa bei den vomHofjuwelier Köhler durchgeführten Überfassungen (Abb. 1, s. Kap. III.2). Die Auswertung der Quellen förderte hingegen interessante Erkenntnisse über die Bedeutung der Farbfassungen zur Zeit ihrer Herstellung zutage. So erweiterte sich der zu Beginn des Projekts eher eindimensionale Forschungsansatz zunehmend um die Frage nach dem geistesgeschichtlichen Hinter grund polychromer Goldschmiedewerke unter Einbeziehung natur philosophischer Grundlagen (s. Kap. V). In diese Bewertung flossen die Überlegungen zu den materialtechnischen Möglichkeiten und Grenzen mit ein (s. Kap. III.3). Eve Begov | Ulrike Weinhold | Theresa Witting Der Forschungsansatz Auch wenn sich das Projekt auf die Erforschung der Dresdner Be stände beschränken musste, so erschien es doch sinnvoll und not wendig, zumindest punktuell den Blick auch auf andere europäische Sammlungen zu richten. Arbeitsbesuche am Kunsthistorischen MuseumWien und der Rüstkammer des Moskauer Kreml sowie ein Forschungsaufenthalt in Florenz dienten dazu, die Dresdner Ergeb nisse zu kontextualisieren und kritisch zu hinterfragen. 1 Vgl. Begov/Richter/Weinhold/Willert/Witting 2017. II.1 Abb. 1 Rechtes Auge der Schaftfigur, Befunderfassung am Lichtmikroskop Detail des Nautiluspokals mit Winzer (Gesamtansicht s. Abb. 1 rechts, S. 13) 28 II Methodik und Vorgehensweise ® II.1
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