Leseprobe

II Methodik und Vorgehensweise  ® II.2 29 II.2 Ergänzend zu den Untersuchungen der Befunde an den Objekten und den naturwissenschaftlichen Analysen trat von kunsthistori­ scher Seite die Auswertung bildlicher und schriftlicher Quellen. An erster Stelle sind hier die Inventare des Grünen Gewölbes und der Dresdner Kunstkammer zu nennen, mit deren Hilfe die Samm­ lungsgeschichte der Stücke nachvollzogenwerden kann (s. Kap. IV.1). Im Fokus standen hier natürlich die Erwähnungen von Farbfassun­ gen und deren Abgleichmit den Befunden. So wurde imFall der ana­ lysiertenObjekte versucht, anhand der Inventareinträge Rückschlüsse auf die Datierung der Malschichten zu ziehen. Umfassendere Aus­ sagen ermöglichte darüber hinaus die systematische Auswertung der Inventare, denn sie führen weit mehr Goldschmiedearbeiten auf, als heute noch erhalten sind. So können sie etwa Informationen darüber liefern, ob Farbfassungen auf bestimmte Objekttypen oder auf Werke bestimmter Herstellungsorte beschränkt bleiben. Einen Überblick über die Befunde und die maßgeblichen Erwähnungen farbiger Fassungen in den Inventaren der Kunstkammer und des Grünen Gewölbes bietet das Verzeichnis in Anhang 3. Um die gewonnenen Erkenntnisse besser beurteilen zu können, wurden, soweit zugänglich, ausgewählte Inventare anderer fürstli­ cher Kunst- und Schatzkammern eingesehen und ausgewertet – etwa die der Kunstkammern von Schloss Ambras bei Innsbruck und Prag, der Rüstkammer des Moskauer Kreml sowie der Samm­ lung der Königin Elisabeth I. von England und der Ferdinandos I. de’ Medici. Die Silberkammer der Landgrafen von Hessen-Kassel sowie der jüngst umfassend publizierte Bestand der Kunstkammer der Herzöge vonWürttemberg wurden hingegen nicht berücksichtigt, da Farbfassungen in diesen Inventaren kaum Erwähnung finden. Aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts liegt darüber hinaus die edierte Korrespondenz des Augsburger Kunstagenten PhilippHain­ hofer vor, die als wichtige Quelle diente (s. Kap. IV.2). Die mit ver­ schiedenen fürstlichen Sammlern geführten Briefwechsel erlauben Aussagen über die Urheber der Farbfassungen, die häufig Teil eines arbeitsteiligenWerkprozesses waren, aber auch über dieWertschät­ zung des Verfahrens in Abgrenzung zu anderen Techniken der far­ bigen Gestaltung wie etwa der Emaillierung. Neben den Briefen Hainhofers waren auch die Silberzettel der Stadt Nürnberg aus dem Jahr 1613 von Interesse, die Bestellungen des Rates bei den dort an­ sässigen Goldschmieden aufführen. Ergänzend zu den bereits genannten schriftlichen Archivalien wurden auch bildliche Quellen herangezogen. Eine wichtige Rolle spielten hier die sogenannten Goldschmiedezeichnungen – eine he­ terogene Gruppe, deren Aussagegehalt allerdings wegen der oft nicht eindeutigen Zweckbestimmung begrenzt ist (s. Kap. IV.3). 1 Das Augenmerk wurde dabei auf Visierungen, aber auch auf Zeichnun­ genmit grafischerenDuktus gelegt, die sich in größeren Konvoluten erhalten haben. Problematisch ist hier jedoch, dass die Zeichnungen leider oft keinen eindeutigen Rückschluss auf die Technik zulassen, in der die farbigen Partien ausgeführt sind bzw. werden sollten. Als weitere bildliche Quellen dienten schließlich Gemälde, insbe­ sondere Stillleben mit farbig gefassten Goldschmiedearbeiten, die einen Eindruck vom ursprünglichen Aussehen der heute zumeist nur rudimentär erhaltenen buntenOberflächen vermitteln können (s. Kap. IV.3). Das komplexe Thema kann im Rahmen dieser Publi­ kation allerdings lediglich anhand einiger Beispiele – entstanden in Frankfurt, Straßburg und Haarlem in der ersten Hälfte des 17. Jahr­ hunderts – angeschnitten werden. 1  Wir beschränken uns auf die Blätter des 16. und 17. Jhs. Zu denmittelalterlichen Goldschmiedezeichnungen, besonders zumAschaffenburger Codex, vgl. Brock- hoff 2002. Zu einem schönen Beispiel aus der Amerbach-Sammlung vgl. Basel 1991, Nr. 85, S. 102, Abb. S. 117. Ulrike Weinhold Kunsthistorische Methoden

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