Leseprobe

12 I Teilpolychromie von Goldschmiedeobjekten – eine Einführung  ® I.1 In der Sammlung des Grünen Gewölbes finden sich an zahlreichen Goldschmiedeobjekten der Spätrenaissance und des Barock poly­ chrome Fassungen, die im Rahmen des Forschungsprojekts »Gold­ schmiedekunst des 16. bis 18. Jahrhunderts am Dresdner Hof als Mittel der höfischen Repräsentation« eingehend untersucht wurden. Es handelt sich dabei ummehr oder weniger gut erhaltene Reste von Farbüberzügen, die vor allem an Schäften, Sockeln und Deckel­ bekrönungen in Gestalt von Figuren oder Schmecks sowie an sil­ bervergoldeten Befestigungsspangen von Konchylien-, Straußenei- und Steingefäßen zu beobachten sind (Abb. 1). Bemerkenswert ist, dass nur bestimmte Partien der Gefäße farbig akzentuiert sind. Durch diese Teilpolychromie verändert sich die optische Wirkung der ausgewählten Details, die dadurch neu bewertet werden. Der Begriff »Farbfassung« bezeichnet ein maltechnisches Verfah­ ren, bei dem ein Pigment oder ein verlackter Farbstoff in einem ge­ eigneten Bindemittel auf die fertig bearbeitete Metalloberfläche aufgetragen wird (s. Kap. III.2). Transluzid gefasste Farbpartien liegen häufig auf einem durch eine Gravur oder Ziselierung gestal­ teten Untergrund, der durch die Malschicht hindurch sichtbar bleibt. Dadurch wird eine täuschende Ähnlichkeit zum Erschei­ nungsbild transluzider Emaillierungen erzeugt. In einigen Fällen wurden unterschiedliche Farben so übereinander- oder nebenein­ andergesetzt, dass sie dem Charakter eingeschmolzener Dekore optisch sehr nahe kommen. Da die Farben imGegensatz zumEmail nicht aufgeschmolzen, sondern in einemmaltechnischen Verfahren aufgetragen werden, weisen sie eine geringere Haltbarkeit auf. Ein weiterer Grund für den heute teilweise schlechten Zustand der Farb­ fassungen auf den Goldschmiedeobjekten des Grünen Gewölbes mag in der Tatsache liegen, dass die Sammlung seit 1729 als Schatz­ kammermuseum öffentlich zugänglich war, was einen größeren Reinigungsaufwand der Objekte erforderlich machte als bei einer Aufbewahrung imabgeschlossenenDepot (s. Kap. III.1). Bei etlichen Stücken haben sich deshalb nur noch Reste erhalten, die heute mit bloßemAuge nur noch schwer erkennbar sind. Da sich diese häufig in den Vertiefungen der Oberflächen befinden, können sie zudem leicht mit Korrosionsschichten oder Resten von Reinigungsmitteln verwechselt werden. Aus den zahlreichen Erwähnungen von Farbfassungen in den his­ torischen Inventaren und Archivalien kannman schließen, dass der partiellen Farbigkeit der Stücke ein hoher Stellenwert zugemessen wurde. Im Verlauf des 16. bis 18. Jahrhunderts gab es immer wieder Phasen, in denenman die Teilpolychromie so geschätzt hat, dass sie zuweilen sogar erneuert wurde. Das ursprüngliche Erscheinungs­ bild vieler Goldschmiedearbeiten muss man sich demnach ganz anders vorstellen, als es sich heute darbietet. Für unsere Sehgewohn­ heiten erscheint ein derartig kolorierter Silbergegenstand unge­ wohnt, da die Farbfassungen oft den Blick auf die vergoldete sowie kunstvoll und aufwendig gestaltete Metalloberfläche verdecken. Polychrome Goldschmiedewerke finden sich – zuweilen sogar in größerem Umfang und besserem Erhaltungszustand – auch in an­ deren Sammlungen, so etwa im Rijksmuseum, Amsterdam, dem Tesoro dei Granduchi (Palazzo Pitti) in Florenz, dem Hessischen LandesmuseumKassel oder in der Kunstkammer des Kunsthistori­ schen Museums in Wien. Dennoch bieten die Dresdner Bestände aufgrund der Häufigkeit der Befunde und der ungewöhnlich gut dokumentierten fürstlichen Sammlungsgeschichte günstige Vor­ aussetzungen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ulrike Weinhold | Eve Begov Farbfassungen als Gestaltungsmittel Abb. 1 Paar Nautiluspokale mit Winzer Elias Geyer, Leipzig, 1606–1608, Silber, vergoldet, Farbfassung, Nautilusgehäuse, H. 36,8 cm (Inv.-Nr. III160), H. 31 cm (Inv.-Nr. III195), SKD, Grünes Gewölbe, Inv.-Nrn. III195 (links) und III160 (rechts) I.1

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