Leseprobe
270 Abb. 5 /29–32 Verfälschende Restaurierung eines Gemäldes als »Provokation« Wernigerode, Juni 1986 BStU, MfS, BV Magdeburg, Abt. XX, Nr. 3718, S. 4 Bild 5, 9, 4 u. 3 Vier Restauratorinnen und Restauratoren aus Berlin und Magdeburg restaurierten im November/Dezember 1985 meh- rere bedeutende Gemälde im Festsaal des Feudalmuseums in Wernigerode. Ein halbes Jahr später entdeckten Angestellte des Museums eine Reihe von »Fehlern«, die sich als subtile Form von Eigensinn und Protest erwiesen. Die Leitung des Museums ließ die »Fehler« umgehend beheben. Das MfS bemühte sich, den Urheber der Aktion zu ermitteln, die als eine mit »Raffi- nesse« vollbrachte »Provokation« eingeschätzt wurde. Durch den GMS »Herbert Rommel« ließen sich die Geheimpolizisten die Umstände der Aktion schildern und die Namen der be teiligten Restauratoren nennen. Neun Schwarz-Weiß-Fotos, die offenbar der GMS an gefertigt hatte und die die KD Wernigerode im Zuge der Ermitt lungen an die BV Magdeburg sandte, zeigen Ausschnitte der beiden betroffenen Gemälde des Historienmalers Conrad Beck- mann. 9 Auf demWerk, das die Erbhuldigung derWernigeröder gegenüber ihrem Stadtherrn im Jahr 1417 zeigt, weht vom Turm des im Hintergrund erkennbaren Schlosses eine schwarz- rot-goldene Fahne (32, Abb. re. u.), die die Restauratoren dort »ungesetzlich« angebracht hatten, wie es im Bericht des GMS heißt – ein »Schnitzer«, den »man […] politisch bewerten muß«. Das andere Gemälde Beckmanns, das eine Beratung zur Einführung der Reformation darstellt, wies gleich mehrere Eingriffe auf. So hat der am Boden liegende Hund eine Träne im Auge und er streckt dem Betrachter die Zunge heraus (30), ein Mönch trägt einen Ring im Ohr, der kleine Finger des Fürsten ist offenbar abgetrennt, ein Gelehrter blättert in einem Buch, in dem die Vornamen der beteiligten Restauratoren verzeichnet sind (31, Abb. re. o.), und im Bücherregal der Reformatoren des 16. Jahrhunderts steht das erst 300 Jahre später erschienene »Kapital« von Karl Marx (29, Abb. li. o.). 9 Zu den Gemälden vgl. Uwe Lagatz:Wernigerode. Geschichte, Architektur, Kunst.Wernigerode 2000, S.167.
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