Leseprobe
27 Das hohe Schiff der Dorfkirche St. Theodul im ober- schwäbischen Bihlafingen stammt aus dem späten 18. Jahrhundert. Seine Längswände hatten zumWest- giebel hin Risse bekommen, die sich erweiterten. In den 1970er Jahren wurde ich um Rat und Hilfe ge- beten. Erste Untersuchungen zeigten mir, dass die aufgehende Konstruktion nicht schuld an den Rissen sein konnte: Ein Pfettendach, eine Holzbalkendecke – kein Dachschub, kein Gewölbeschub. Und die Gründung? Schürfgruben brachten keine Besonder- heiten an den Tag, Sondierungsbohrungen ebenfalls nicht. Und die Risse im Mauerwerk kamen nicht zur Ruhe. Ich wusste nicht weiter. Der Pfarrer war es, der mir über die Grenzen meiner Kunst hinweghalf. Er hatte in den Kirchenak- ten nachgesucht und eine alte Skizze gefunden, die zeigte, dass es vor dem Westgiebel früher eine tiefe Mulde gegeben hatte. Ich sah mir die Bohrkerne noch Südseite und fiktiver Verlauf der bauzeitlich bezeugten Mulde einmal an: In viereinhalb Meter Tiefe hatten wir Fein- sand erbohrt, darüber einen halben Meter Lehm. Hatten die Erbauer der Kirche den Lehm in der Mulde auf dem Sand liegen lassen oder ihn gar aufgelegt, damit aus dem Feinsand kein Fließsand werden konnte? Endete die Wand des Westgiebels schon auf der Lehmschicht und nicht erst tiefer im Feinsand? Wollte man damals die Bauwerkslast oder einen Teil von ihr über Holzpfähle in den Feinsand abfließen lassen? Versagten die Holzpfähle mit der Zeit, ver- faulten sie? Alle anderen Schadensursachen waren ausgeschieden, jetzt hieß es also, unter dem Giebel- fundament nachzusehen. Der Pfarrer dort war noch ein Pfarrer, die Ge- meinde war noch eine Gemeinde. Sonnabends und nach Feierabend kamen jeweils drei Mann. Einer hob die Schürfgrube aus, der zweite zog mit dem Eimer das Erdreich heraus, der dritte trug es weg. Der Pfar-
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