Leseprobe
89 Die Hagia Sophia in Istanbul wurde 532–537 unter Kaiser Justinian I errichtet. Ihre Baumeister waren Anthemius von Tralles und Isidoros von Milet. Beide zählten zu den besten Fachleuten ihrer Zeit. Das spätantike Bauwerk ist, über dem Bosporus aufra- gend, ein Wahrzeichen Istanbuls. Die Hagia Sophia war 9 Jahrhunderte byzanti- nische Hauptkirche, danach 5 Jahrhunderte ottoma- nische Hauptmoschee. Seit einem Jahrhundert, seit Atatürk, war sie staatliches Museum. Jetzt ist sie unter Erdogan wieder Moschee geworden. Bauhisto- risch ist die Hagia Sophia weltweit das bedeutendste Beispiel einer Kuppelbasilika, einer Verschmelzung von Langbau und Zentralbau. Bautechnisch gesehen ist der Kuppelbau in Istanbul eine der kühnsten Mauerwerkskonstruktionen der letzten 1500 Jahre. Er ist Weltkulturerbe höchsten Ranges. Die Hagia Sophia ist fast ganz aus Backstein gebaut: Wände, Bögen, Kuppeln, Anbauten. Auch die 32 Meter weit spannende Hauptkuppel ist vollflächig aus Backstein gemauert, nur ihre 4 Hauptpfeiler sind aus Natursteinquadern gefertigt, aus Kalkstein und Granit. Die Untersuchungen, von denen ich hier be- richte, hatten das Ziel, Bestand, Zustand und Trag- vermögen des Mauergefüges zu erkunden, auch mit Blick auf die für Istanbul drohende Erdbebengefahr. Ich war mit meiner Gruppe für vier Messkampagnen vor Ort, in den Jahren 2002 bis 2005, jeweils 1 bis2Wo- chen lang. Wir arbeiteten vom Gerüst der Restaura- toren aus, welches Jahr für Jahr umgesetzt wurde. Ein Aufzug im Gerüst brachte uns bis in 55 Meter Höhe. In den Jahren danach haben wir die Messdaten in Karlsruhe ausgewertet und die Ergebnisse auch den türkischen Kollegen und Instanzen zur Verfügung ge- stellt. Rat und Hilfe gaben wir nach Istanbul auch später noch. Die zentrale Backsteinkuppel hat einen Total- einsturz und zwei Teileinstürze hinter sich. Sie be- steht heute aus den stehengebliebenen Teilen des 6., 10. und 14. Jahrhunderts. Ihr Mauerwerk ist an der Unterseite von den Mosaiken, an der Oberseite von der Bleideckung eingeschlossen. Es ist weder einsehbar noch zugänglich. Proben dürfen aus denkmalpflegerischen Gründen nicht genommen werden. Radarmessung Messwertaufnehmer
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