Leseprobe

13 Auf dem Härtsfeld, zwischen Aalen, Heidenheim und Nördlingen, erhebt sich auf einer Anhöhe, mit Blick über die Schwäbische Alb, die Abteikirche des Bene- diktinerklosters Neresheim. Zwei Männer haben im ausgehenden Barock ihre Bedeutung als Bau- und Kunstwerk entscheidend geprägt: Balthasar Neu- mann, der Baumeister, und Martin Knoller, der Fres- kant. Später, mit der zurückhaltenden Innenfassung und den nun schon klassizistischen Einbauten, hat auch Thomas Schaidhauf dazu beigetragen, dass ein Kirchraum von großer Harmonie entstand. Balthasar Neumann stirbt, ehe die Wände ihre volle Höhe er- reicht haben. Die Kuppeln wollte er in Stein wölben. Seine Nachfolger am Bau wagen das nicht, sie ent- scheiden sich für hölzerne Kuppelkonstruktionen mit radial angeordneten 10/16 Zentimeter dicken Span- ten und darunter tangential umlaufenden Latten. 1764 sind die sieben Holzkuppeln fertiggestellt, da- nach wird der Putz für die Freskomalerei angetragen. 1770–1775 malt Martin Knoller die Kuppeln aus, 1777 wird die Kirche vorläufig eingesegnet, 1792 geweiht. An die Chronik der Planung und Fertigstellung schließt sich nahtlos die Chronik der Schäden und Reparaturen an. 1793, bereits ein Jahr nach der Weihe, drückt der Dachstuhl auf die Vierungskuppel. Freskoputz und Malerei reißen, es fallen Putzbrocken herab. Das passiert später immer wieder. 1827/28 lässt Baumeister Karl Victor Keim die Kuppel von der Dachkonstruktion, an der sie bis dahin befestigt war und deren Bewegungen bei Wind und Wetter sie mitmachen musste, trennen. Stattdessen lässt er im Dachraum hölzerne Hängesprengwerke einziehen und die Ränder der Kuppel in sie einhän- gen. Aber es hilft nicht wirklich. 1844, 1904 und 1934 sind erneut Reparaturen notwendig. Ein Drahtnetz wird unter Teile des Freskoputzes gespannt, es soll das Herabfallen weiterer Putzschollen verhindern. Es verunstaltet. Die Schäden nehmen zu. Regen und Schnee dringen in den Dachraum, lassen die Hölzer des Vierungsdaches verfaulen und erneut absinken, drohen die Vierungskuppel und ihre Ausmalung zu durchfeuchten. Das Baugefüge verformt sich, schließ- lich ist die Kuppel von Scharen von Rissen durchzo- gen. Dazu schrecken die Druckwellen aus den Über- schallknallen der Düsenjäger, die auf einem nicht weit entfernten Militärflugplatz stationiert sind. 1966 wird die Kirche baupolizeilich geschlossen. Klaus Pieper, ehedem mein Professor in Braun- schweig, und ich, kurz zuvor an die Universität Karls- ruhe berufen, wurden auf Rat der Denkmalpflege vom Kloster gebeten, uns die Schäden anzusehen, sie zu beurteilen und Vorschläge zur Reparatur und In- standsetzung zu erarbeiten. Die Untersuchungen machten wir zu zweit, ohne Mitarbeiter. Eine Woche krochen wir von morgens bis abends in die letzten Ecken und Winkel des Bauwerkes, anders hätten wir keinen verlässlichen Überblick über Art und Ausmaß der Schäden und Gefahren bekommen können. Mit Spitzhammer und Stechbeitel stellten wir fest, dass das Vierungsdach in Teilen regelrecht verrottet war, manche Hölzer ließen sich mit der Hand zerbröseln. Mit der Taschenlampe war zu erkennen, dass das Dach weiter abgesackt war und wieder, wie schon früher, auf die Vierungskuppel drückte. Dagegen waren die Spanten und Latten der Kuppel und auch ihre Knotenpunkte und genagelten Stöße noch in- takt. Um dieses ergründen zu können, hatten wir vom Restaurator an einigen ausgesuchten Stellen den Freskoputz abnehmen lassen. Wir ermittelten Maße und Gewichte der Vierungskuppel. Sie ist elliptisch, hat 20 und 25 Meter Durchmesser, ist in sich 15 Meter hoch und wiegt 100 Tonnen. Mit je 2 Zentimeter Putz unter und über den 3 Zentimeter dicken Holzlatten ist ihre Schale nur 7 Zentimeter dick. Mit einem Schwingungsaufnehmer maßen wir die Erschütterun- gen der Kuppel aus den Überschallknallen, welche beim schnellen Überfliegen der Abtei von den Düsen- jägern ausgelöst wurden. Sie waren geringer, als wenn einer von uns auf der Kuppel herumsprang. Mit Nivelliergerät und Zollstock fanden wir heraus, dass sich die von Keim erdachten und 1827/28 eingezo- genen Hängesprengwerke, welche die Last der Kup- pel zu den Wänden hin abtragen sollten, in der Mitte bis zu 10 Zentimeter durchgebogen hatten. So blieb der steifen Kuppel, ihrer kontinuierlichen Randstüt- zung durch das Nachgeben der Sprengwerke be- raubt, nichts anderes übrig, als sich selbst zu tragen und ihre Last punktförmig auf die vier unnachgiebig gebliebenen Säulenpaare der Vierung abzusetzen. Sehen konnten wir das an den Rissen in der Malerei und im Freskoputz, die systematisch auf diese vier Unterstützungspunkte zuliefen, fühlen ließ es sich an den unterschiedlich gespannten Fäden des Draht- netzes, hören ließ es sich an den verschieden hohen

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