Leseprobe
15 Tönen der Drähte, wenn an ihnen gezupft wurde. Hätte es das Drahtnetz von 1904 nicht gegeben, wären große Teile des Freskoputzes samt Malerei in- zwischen abgestürzt. Durch Abklopfen mit der Hand fanden wir auch oberhalb und unterhalb der verdrah- teten Kuppelzone Putzflächen, die in sich zerrissen waren und sich zum Teil schon von der Lattung gelöst hatten. Die Säulenpaare untersuchten wir auch. Wir schnitten Beobachtungslöcher in den Stuck ihrer Um- mantelung und machten Fotos vom Inneren und den darin verborgenen Eichenholzstützen. Schäden fan- den wir hier nicht. Die Ergebnisse unserer Beobachtungen und Berechnungen fügten sich zu einem bedrohlichen Gesamtbild zusammen. Das durch und durch mor- sche Vierungsdach drohte einzubrechen, auf die zentrale Vierungskuppel zu sinken und diese mit zum Einsturz zu bringen. Die Kuppelkonstruktion war auch in Gefahr, weil die Unterstützung ihrer Ränder durch die nachträglich eingezogenen Hängespreng- werke größtenteils verloren gegangen war und es nur noch vier intakte Stützpunkte, die hölzernen Säulen- paare, gab. Für eine solche Vierpunktstützung war die Kuppel nicht konstruiert, sie riss entzwei. Die Er- schütterungen aus den Düsenschallknallen schließ- lich hätten einem noch gesunden Bauwerk nichts anhaben können – der verfaulten und abgesunkenen Dachkonstruktion jedoch und den ausgebeulten, aufgesprungenen Blasen des Freskoputzes waren sie gefährlich. Dazu kamen Schäden und Setzungen der Wände und Fundamente. Die Kirche hatte schnelle, durchgreifende Hilfe nötig. Das Konzept, welches wir aus den Ergebnissen der Untersuchungen für die statische Sicherung der Vierungskuppel ableiteten, zielte darauf, die in den vergangenen zweihundert Jahren schon zweimal ver- suchte kontinuierliche Aufhängung des Kuppelran- des erneut zu wagen, aber so, dass die Vierungskup- pel dieses Mal von beidem, den Bewegungen des Daches und der Nachgiebigkeit der Hängespreng- werke, verschont blieb. Für eine solche, rundumwirk- same Lastabgabe war sie konstruiert, und so sollte sie in Zukunft auch tragen und getragen werden. Mit der Umsetzung des Konzeptes wurde im Winter 1969/70 begonnen. Nach dem Bau eines Schutzdaches und dem Abbau des morschen Dach- werkes über der Vierung wurden, von Mauer zu Mauer, steife Stahlfachwerke über die nachgiebigen hölzernen Hängesprengwerke gestülpt. An sie wur- den die alten Hängehölzer der Kuppelränder mit neuen Stahlstangen angehängt und angespannt. Um den Fresken dabei keine weiteren Risse zuzufügen, wurde umschichtig und streng nach Plan gearbeitet, in kleinen Schritten, Abschnitt für Abschnitt, acht Tage lang. Mit Drehmomentenschlüsseln wurde zwei- mal täglich kontrolliert und sichergestellt, dass den 100 Stahlstangen rund um die Kuppel die jeweils zu- gedachte Last auch zugeflossen war. Die Handwerker – Zimmerleute und Schlosser – hatten alles gut vorbereitet, aber das höchst sen- sible Umhängen der Kuppel an die neuen Stahlfach- werke und die diffizile Kontrolle der schwebenden Statik wollten wir ihnen nicht zumuten. Das übernah- men Klaus Pieper und ich mit unseren Assistenten Ulrich Motzkus und Michael Ullrich und je zehn Stu- denten aus Braunschweig und Karlsruhe. Für alle wurde eine besondere Versicherung abgeschlossen. Risse in der Vierungskuppel
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