Leseprobe
Als Sohn von Textilunternehmern wählt Yoichi Ohira (*1946) zunächst den naheliegendenWeg, Mode- design an der KuwasawaDesign School in Tokio zu studieren. Sehr schnell wird dem jungenOhira jedoch bewusst, dass dieses Feld nicht seiner Berufung entspricht. Eher zufälligwird er durch Bücher auf künst- lerische Glasgestaltung aufmerksam und beginnt, sich für sie zu begeistern. Nach seinemAbschluss imJahr 1969 verlässt er die vorgezeichneten Familienpfade und tritt eineGlas- bläserlehre bei der Kagami Crystal Company an. Über einen Zeitraumvon rund vier Jahren erlernt Ohira bei der Arbeit für die Gestalter Kagamis und später für eine Manufaktur in der Präfektur Chiba die Techniken der Glasbläserei und der Gravur. In dieser Zeit stößt Ohira in Büchern auf die Glastradition Muranos. Die Besonderheiten der venezia- nischen Glaskunst beeindrucken ihn nachhaltig. Murano konnte sich auf ein uraltes und gefestigtes, bis ins Mittelalter zurückreichendes Erbe berufen, als im Verlauf des 20. Jahrhunderts prestigeträchtige und innovative Manufakturen entstanden und gediehen; die begnadetsten Gestalter und begabtesten Bläser konnten sich hier frei entfalten. Die formale Schlichtheit und die einfachen, fließenden Entwürfe der seit den 1920er Jahren für die venezianischen Glasunternehmen tätigen Gestalter brachten das Talent der Bläser zur vollen Geltung. Ihre Werke haben eine künstlerische Dimension, die sie deutlich von den Erzeugnissen anderer globaler Produktionszentren abhebt. Im Jahr 1973 verlässt Yoichi Ohira Japan, um sich dauerhaft in Venedig niederzulassen. Unmittelbar nach seiner Ankunft schreibt er sich an der Kunstakademie – der Accademia di Belle Arti – für Bildhau- erkurse ein und besichtigt erstmals die Glasunternehmen Muranos. Eine erste wegweisende Bekannt- schaft schließt er mit EgidioCostantini, demEigentümer der Schmiede Fucina degli Angeli, der für seine zahlreichen Kooperationenmit Künstlern derModerne (darunter Hans Arp, Georges Braque, Alexander Calder, Marc Chagall, Jean Cocteau, Max Ernst, Lucio Fontana, Fernand Léger und Pablo Picasso) und die Herstellung gläserner Skulpturen bekannt ist. Fortan arbeitet Ohira neben seinem Studium, in dem er sich auf Geschichte und Ästhetik der venezianischen Glaskunst fokussiert, regelmäßig als Bläser bei Costantini. Im Verlauf dieser Jahre macht er sich nicht nur mit dem handwerklichen Können Muranos vertraut, sondern knüpft auch Schritt für Schritt Beziehungen zur örtlichen Gemeinschaft. Obwohl er bei Costantini vieles hinzulernt, entspricht der Schwerpunkt der Schmiede, die Herstellung künstleri- scher Skulpturen, nicht seinen eigentlichen Neigungen. Ohira schätzt die venezianische Glastradition in ihrer reinsten Prägung und strebt nach einem Ausdruck in einer klassischen Formensprache. Yoichi Ohira – der Weg ins 21. Jahrhundert JEAN MARIE GIRAUD 84
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1