Leseprobe

Im Jahr 1987 bringt Ohira, in der Lagunenregion bereits fest veran- kert und mit langjähriger Erfahrung auf demGebiet der Glasbläserei ausgestattet, bei DeMajo seine erste Kollektion künstlerischer Arbei- ten heraus (Abb. 1). SeinemWunsch folgend, auf traditionelle Weise zu arbeiten, greift er in den Objekten das für Venedig typische For- menrepertoire auf. Wenngleich die Kelche an die Renaissance oder an das Werk Antonio Salviatis (1816–1890) erinnern und die Fla- schen die Standardformder Veronese-Vase Vittorio Zecchins (1878– 1947) durchspielen, vereinfacht Ohira doch die Formen, reduziert die Ornamentik und belebt seine Entwürfe verstärkt mittels der Farbig- keit. Mit diskreten Anleihen an die Memphis-Ästhetik ist die Gestal- tung auch der Entstehungszeit verpflichtet. Ohira erweist in dieser Serie demGeschick der örtlichen Glasbläser sowie demberühmten venezianischen cristallo in seiner Transparenz und Grazilität Reverenz – und auf diesem Weg der venezianischen Glaskunsttradition schlechthin. Zudem knüpft er mit der gestalteri- schen Strenge, der eleganten Schlichtheit der Formen und den sub- tilen Farbzusammenstellungen an Erzeugnisse klassischer Meister- schaft an und grenzt sich so von den effektorientierten skulpturalen Werken ab, die in den 1980ern populär sind. Mehrere Jahre arbeitet Ohira als Gestalter bei De Majo. Kontinuierlich entwickelt er seine Formensprache weiter und erkundet neue Techniken; er konzen­ triert sich zunehmend auf die Produktion vonUnikaten herausragen- der glasbläserischer Qualität, wobei er auf das Talent von Kunst- handwerkern und eine profunde Kenntnis der venezianischen Glas- tradition zurückgreifen kann. 1991 kommt es zu einer für die Laufbahn Yoichi Ohiras entscheiden- den Begegnung. Anlässlich des Tages des hl. Nikolaus, dem Schutz- patron der Glasbläser, werden in Murano alljährlich die Erzeugnisse der örtlichen Kunsthandwerker in einer Ausstellung vereint. Ohira fällt ein klassisch gearbeiteter Krug auf, typisch venezianisch, doch derart virtuos, ausgewogen, harmonisch und elegant proportioniert, dass er unter den Exponaten heraussticht. Der Krug stammt von Livio Serena, genannt Maisasio, der als Glasbläser bei Anfora tätig ist, einemkleinenUnternehmen imBesitz von Renzo Ferro. Umgehend trifft sich Ohira mit Serena und eine ertragreiche Zusammenarbeit nimmt ihren Anfang. Auf Grundlage der akribischen VorbereitungOhiras, der alle Erzeugnisse in äußerst präzisen und detail- reichen Zeichnungen entwirft, entstehen in Gemeinschaftsarbeit von Mal zu Mal komplexere Werke. Die minutiöse Zusammenstellung der Murrinen, die bei der Fertigung zur Anwendung kommen, sowie der gedankliche Austausch mit Serena gewährleisten schon im Entwurfsstadium ein Ineinandergreifen von künstlerischer Idee und handwerklicher Ausführung. 1 Yoichi Ohira, Flakon, Entwurf für De Majo, um 1988 Yoichi Ohira, Design for De Majo , ca. 1988 86

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