Leseprobe

43 JUTTA KAPPEL Unwägbarkeiten des Herrscherglücks: Die Elfenbeinfregatte von Jacob Zeller. Eine ikonografische Betrachtung War es Fügung oder kühl kalkulierter Plan? Für Jacob Zellers Entschluss, das kaiserliche Prag zu verlassen, muss der Transfer eines Kunstwerks den entscheiden- den Ausschlag gegeben haben. Es war sein (eigentlich Christian II. von Sachsen gewidmeter) Elfenbein- pokal, den der Kurfürst »Ao. 1610 uff der chur: und fürsten alhier zu Prag zusamenkünfft« Kaiser Ru- dolf II. zum Geschenk gemacht hatte1 und der Jahre später als schwedische Kriegsbeute nach Stockholm gelangte.2 Mit diesem Pokal hatte Zeller seine vor- nehme Gelehrsamkeit und künstlerische Leistungs- kraft unter Beweis gestellt, sich der Reputation des Kurfürsten von Sachsen versichert und damit seinen Weg nach Dresden frei und unumkehrbar gemacht. Er traf hier am 22. August 1610 ein und wurde kurz darauf, am 18. September, zum Hofkünstler berufen. Zeller hatte die Zeichen der Zeit richtig gedeutet: Was ihm Rudolf II. nicht (mehr) garantieren konnte, bot Dresden, wo ihm in nur zehn Jahren ein trium- phaler Aufstieg als Elfenbeinkünstler beschieden war. Die in diesem Beitrag thematisierte Fregatte des Jacob Zeller von 1620 ist in ihrem exzeptionellen und solitären Stellenwert in der Geschichte der Elfenbeinkunst vielfach analysiert und gewürdigt worden (ABB. 1) .3 Dennoch blieben in der ikono- grafischen Bestandsaufnahme dieses Meisterwerks einige »Leerstellen« bislang ungefüllt, die imWesent- lichen mit drei Fragen zu umreißen sind:  Welche auf ein historisch verbrieftes Ereignis be- zogenen Inspirationen kann Zeller für seine Fregatte genutzt haben?  Hatte Zeller die wettinische Ahnenfolge auf dem Rumpf der Fregatte erfunden oder nicht?  Welche Rolle spielt die Fortuna-imagio in der von Neptun bestimmten Quos-Ego -Ikonografie und da- mit in der ausgefeilten Sinnschichtung der Fregatte? Um die apotheotische Ausrichtung der Fregatte auf die Herrscherdynastie der Wettiner zu verstehen, be- darf es eines kurzen Rückblicks. 1 Fregatte Jacob Zeller, Dresden 1620 (signiert und datiert), Elfenbein, Gold, Eisen, H. 116,7 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Grünes Gewölbe, Inv. Nr. II 107

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