Leseprobe

52 53 THOMAS KETELSEN Goethes Anmerkung zu einem »Stück von Goudt nach Elsheimer« Ein brisanter ästhetischer Splitter Es ist eine Anmerkung – nicht mehr –, die Goethe dem »Stück von Goudt nach Elsheimer« in seinem Aufsatz Nach Falkonet und über Falkonet zukommen lässt. Dabei handelt es sich um eine »Bemerkung [...]«, gar nur um eine »Grille [...] des Augenblicks«, die dem Anhang aus Goethes Brieftasche der deutschen Übersetzung von Louis-Sébastien Merciers Traktat Du théâtre, ou, Nouvel essai sur l’art dramatique beigegeben ist. Diese 1773 erschienene Schrift war vonHeinrich LeopoldWagner, demFrankfurter Freund und Vertrauten Goethes, übersetzt und 1776 in den Druck gegeben worden.1 Hatte Goethe ursprünglich daran gedacht, Merciers Traktat mit »Anmerkungen herauszugeben«,2 so beschränkte er sich in der Folge auf jenen bereits genannten Anhang , demneben dem Falkonet -Aufsatz3 noch die Dritte Wallfahrt nach Erwins Grabe im Juli 1775 und fünf Gedichte beigefügt waren.4 Inner- halb dieses knappen Aufsatzes über den französischen Bildhauer Étienne-Maurice Falconet (1716–1791) findet sich die mit einem * markierte Anmerkung, die ausschließlich einem »Stück von Goudt nach Elsheimer« gewidmet ist.5 Bei diesem »Stück« handelt es sich um den Kupferstich Hendrick Goudts Jupiter und Merkur bei Philemon und Baucis (Auftakt in diesemEssay) nach einemGemälde von AdamElsheimer, das sich heute in Dresden befin- det.6 Goethe war selbst im Besitz von zwei Abzügen des Stiches von 1612.7 Interessanterweise hat die Goethe-Forschung dieser Anmerkung bislang keine große Aufmerksamkeit zukommen lassen, vermutlich, weil es sich eben nur umeine Anmerkung handelt, die einemText per se lediglich etwas beifügt, was man ebenso überlesen könnte.8 Aber auch Werner Keller und Ernst Osterkamp haben in ihren gewichtigen Studien zur Bildbeschreibung und Bildlichkeit bei Goethe die Anmerkung glatt übersehen.9 Somit hat sich die Goethe-Philologie nie die Frage gestellt, inwelchemZusammenhang diese Anmer- kung überhaupt zumHaupttext steht. Eine scheinbar nebensächliche Frage, jedoch haben die Studien etwa von Gerard Genette gezeigt, dass auch eine Anmerkung eine Art »Literatur auf zweiter Stufe« ist, die in einer »transtextuelle[n] Beziehung«10 zum Text steht, dem sie beigegeben ist, und diesen mit intoniert, erläutert oder ergänzt. In unserem Fall führt die Anmerkung geradezu ins Zentrumder ästhetischen Reflexion Goethes. Die Frage nach der inhaltlichen Beziehung seiner Anmerkung als »Paratext«11 zumGesamtgefüge des Falkonet - Jupiter und Merkur bei Philemon und Baucis Hendrick Goudt nach Adam Elsheimer, Kupferstich (Kat. 71, Detail) 1 Mercier 1776. Goethe schreibt den Namen des Bildhauers mit k. 2 Goethe, in: Mercier 1776, S. 485. 3 Ebd., S. 487–496. 4 Ebd., S. 496–508. Bei den Gedichten handelt es sich um: »Brief«, »Guten Rath auf ein Reisbret [...]«, »Kenner und Künstler«, Wahrhaftes Mährgen« und »Künstlers Morgenlied«. 5 Ebd., S. 494f. 6 Zu dem Gemälde siehe Andrews 1985, S. 189, Nr. 24.

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