Leseprobe
Textes erscheint aber auch deshalb umso drängender, weil Goethe das in ihr verhandelte Thema in einer sprachlichen Metaphorik zum Ausdruck bringt, die die Regeln der »mora- lischen Konformität« (Michel Foucault) sprengt – damals wie heute. Goethes Anmerkung (Abb. 1) beginnt mit einer betont unaufgeregten Beschreibung des Blattes: Der Stich zeige, wie »Jupiter [sich] auf einen Großvaterstuhl niedergelassen [hat], Merkur ruht auf einemniederen Lager aus, Wirt undWirtin sind nach ihrer Art beschäftigt sie zu bedienen. [...].«12 Mit diesen knappen Bemerkungen wiederholt Goethe nur den Inhalt des lateinischen Textes, der der Darstellung im zweiten Zustand des Stiches bei gegeben ist. Übersetzt lautet dieser: »Jupiter und Hermes in menschlicher Gestalt beide / Phrygien durchwandernd, in der lieblichen Dämmerung der Nacht // finden erwünschte gastliche Annahme, indem sie sich an dem armen Tisch / Der Baucis erfreuen, die Götter, und ihnen ihre Geschenke wiedervergelten.«13 Die literarische Quelle sind Ovids Meta- morphosen , in denen erzählt wird, wie Jupiter undMerkur auf der Suche nach einemNacht- quartier von der Einwohnerschaft Phrygiens abgewiesen wurden und schließlich bei dem Greisenpaar eine Bleibe fanden.14 Ohne auf die Geschichte von Philemon und Baucis näher einzugehen, richtet Goethe sein Augenmerk auf ein Detail des Stiches, auf das es ihm im Folgenden besonders ankommt: »Jupiter hat sich indessen in der Stube umgesehen, und just fallen seine Augen auf einen Holzschnitt an der Wand, wo er einen seiner Liebes- schwänke durch Merkurs Beyhülfe ausgeführt, klärlich abgebildet sieht.«15 Die hellste der drei Lichtquellen in dem dunklen Raum ist die auf dem Tisch stehende Öllampe, die den 7 Schuchardt 1848/49, S. 122, Nr. 185, 186. Irrtümlich daher der Hinweis von Fried- mar Apel, Goethe habe »zwei Drucke von unbekannten Stechern nach dem Bild« besessen, vgl. Apel in: Goethe 1998, S. 1128, Kommentar zu S. 179,34*. 8 Vgl. exemplarisch den Kommentar von Friedmar Apel zu der Anmerkung, in: Goethe 1998, S. 1128, Kommentar zu S. 179,34*. 9 Vgl. Keller 1972 sowie Osterkamp 1991. 10 Genette 1993, S. 9. 11 Ebd., S. 11. 12 Goethe, in: Mercier 1776, S. 495. 13 Zit. nach Frankfurt 1966, S. 120, unter Nr. 277.
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