Leseprobe

54 55 »Holzschnitt«, wie Goethe vermeint, ander rückseitigenWand hell hervortreten lässt (Abb. 2). Bei genauem Hinsehen jedoch erkennt man auf der opulent gerahmten Grafik (oder han- delt es sich umein Gemälde?), der sich Jupiter mit leicht geneigtemKopf zuwendet, keinen seiner »Liebesschwänke«. Zu sehen ist vielmehr die Enthauptung des Argus durchMerkur, die auf Anordnung des entblößten Jupiters geschieht. Zwischen den beiden Protagonisten steht die in eine Kuh verwandelte Io. Goethe ignoriert in seiner Beschreibung somit die tatsächlich zu sehende Darstellung und überblendet diese mit ihrer Vorgeschichte, die ebenfalls den Metamorphosen Ovids entnommen ist. Auf seinen Streifzügen durch die Flusstäler Thessaliens hatte Jupiter die Tochter des Inachus entdeckt und sie aufgefordert, ihn durch ihr »Lager selig zu machen«.16 Io entzieht sich jedoch diesem Ansinnen und flieht, woraufhin Jupiter die Gegend durch dunkleWolken verhüllt, umdie anschließende Vergewaltigung zu verbergen. Daraufhin verwandelt er Io »in die Gestalt eines leuchtenden Rindes«,17 damit seine GemahlinHera keinen Verdacht schöpfe. Diese aber ahnt den Betrug und befiehlt dem 100-äugigen Argus, die verwandelte Io zu bewachen, um Jupiter von ihr fernzuhalten. Doch dessen sexuelles Verlangen bleibt ungestillt, und er fordert Merkur auf, den Bewacher Ios zu töten. Genau dieser Moment der Enthauptung des Argus ist auf dem Stich – als Bild imBild – dargestellt. Hendrick Goudt hat dieselbe Szene in einer Zeichnung in London noch einmal dargestellt (Abb. 3),18 möglicherweise in Kenntnis einer Zeichnung von Adam Elsheimer, die das Dresdner Gemälde vorzubereiten scheint.19 Auch auf dem Londoner Blatt sieht man an der aufgehellten Wand im Hintergrund an zentraler Stelle 14 Ovid, Metamorphosen VIII, 618–724. Vgl. Ovid 1988, S. 307/311. 15 Goethe, in: Mercier 1776, S. 495. 16 Ovid, Metamorphosen I, 568–746; Ovid 1988, S. 35-43. 17 Ovid, Metamorphosen I, 612; Ovid 1988, S. 37. 18 Feder in Braun, laviert, über schwarzer Kreide, 109× 159 mm, British Museum, Inv. 1920-11-16-11; vgl. Jacoby 2008, S. 69 f., Abb. 51. Ein Goudt zugeschrie­ benes Gemälde mit derselben Kompo­ sition befand sich im Kunsthandel, London (Sotheby’s), 13. 12. 2001, Los 26; Frankfurt/London 2006, Kat. 35. 19 Warschau, Muzeum Narodowe, Inv. 146603/17; Jacoby 2008, S. 221–224, Nr. 26. Abb. 1 Goethes Anmerkung zu dem »Stück von Goudt nach Elsheimer« Abb. 2 ® Jupiter und Merkur bei Philemon und Baucis Hendrick Goudt, Detail

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