Leseprobe

74 Das »lange 19. Jahrhundert« – Auftakt zur neuzeitlichen Stadtentwicklung, Industriealisierung, Großstadtbildung Trotz der seinerzeit noch siedlungsabseitigen Lage des endgültigen Bahnhofsstandorts übte dieser schon zwischen 1848 und 1851, als die Transportanstalt zwi­ schen Plauen und Reichenbach den Verkehrfortführte, eine bebauungsfördernde Entwicklung aus. So hatte Carl Friedrich Redlich östlich der oberen Bahnhofstraße das »Deutsche Haus« als Restauration mit Saalbetrieb und Konzertgarten erbaut. Da das Gebäude 1854 ab­ brannte, konzentrierte er sich als Ökonom auf seinen umfangreichen landwirtschaftlichen Grundstücksbesitz westlich der oberen Bahnhofstraße, der bis zu seiner Ziegelei in der Tennera reichte. So wurde der Milchaus­ schank in »Redlichs Garten« in direkter Bahnhofsnähe zugleich zu einem beliebten Ausflugsziel. Die Anzie­ hungskraft des Bahnhofs bewirkte auch ein verstärktes Bauinteresse der Grundstücksbesitzer in dessen Um­ gebung, sodass 1873 der Bebauungsplan auf die östli­ che Seite der oberen Bahnhofsvorstadt bis zum Bahn­ damm ausgedehnt wurde und dadurch eine rege Bau­ tätigkeit einsetzte, so unter anderem auf dem umfäng­ lichen Feld des Maurermeisters Karl Reinhard Petzoldt. In ähnlicher Weise wurde Ende der 70er-Jahre auch der westliche Teil der äußeren Bahnhofsvorstadt zu einem gefragten Bebauungsgebiet, wozu »Redlichs Areal« gehörte. In Anbetracht der zeitgleich verlaufenden Aufwärts­ entwicklung des Güter- und Personenverkehrs erfuhr das Bahnhofsgebäude 1874, 1894 und 1897 notwendige Erweiterungen, außerdem wurde 1874 und 1900 die nahe Eisenbahnbrücke durch Neubauten ersetzt. Von 1898 bis 1902 erfolgten die Herstellung eines Kohle­ bahnhofs sowie der Ausbau der Gütergleise und der zugehörigen Ladeanlagen, denn über sie musste der größte Teil des Verkehrsaufkommens bewältigt werden. Hier überragte der Empfang von Gütern den Güterver­ sand um ein Mehrfaches, wobei die Anfuhr von Stein- und Braunkohle den höchsten Anteil (rund 55 Prozent) verzeichnete. Dieser außerordentliche Bedarf resul­ tierte vor allem aus dem wachsenden Verbrauch der mit Dampfmaschinen ausgestatteten Textilindustrie und aus der steigenden Abnahme durch die zwei Gaswerke und das Elektrizitätswerk. Bei den sonstigen angelie­ ferten Gütern traten im Voranschreiten der Großstadt­ werdung die Baumaterialien hervor, für die sich durch die umfangreiche Bautätigkeit eine zunehmende Nach­ frage entwickelt hatte. Wurden 1899 am Oberen Bahn­ hof täglich rund 60 Waggons entladen, erhöhte sich im Oktober 1902 die Entladungsmenge auf über das Dop­ pelte mit 132 Waggons. Im selben Jahr passierten ins­ gesamt 98 Züge den Bahnhof, während Plauen-Neun­ dorf von 30 und der Untere Bahnhof von 28 Zügen an­ gefahren wurden. Die erfolgversprechende Eröffnung des Straßenbahnnetzes im Jahr 1894 Unter Berücksichtigung der ebenfalls gestiegenen An­ zahl der ankommenden und abfahrenden Personen stellte die Eröffnung der Straßenbahnlinie ab Oberem Bahnhof eine regelmäßige Anbindung zur Innenstadt dar. Vorher hatten Lohnkutscher, Hotelwagen und seit Juni 1889 auch Droschken als Zubringer gedient. Dabei gab es schon 1882 den erstenVorschlag für eine Stra­ ßenbahn. Zwar stellte im Jahr 1885 ein Leipziger Unter­ nehmer weitere Ausführungsvarianten vor, die zusätz­ lich auch Kabel- und Dampfstraßenbahnen beinhalte­ ten, gleichfalls aber nicht zur Umsetzung gelangten. 1882 kein Votum für eine Pferdestraßenbahn In einer der damaligen Schreibweise entsprechenden Pressemitteilung vom 24. Februar 1882 wurde die Plauener Bevölkerung darüber informiert, dass sich der Stadtrat gegen die Idee einer Pferdestraßenbahn entscheiden hat: »Mit der Erbauung einer Pferdeeisenbahn in unserer Stadt scheint es noch gute Wege zu haben. Oficiell verlautet über diese Angelegenheit aber Fol- gendes: Ein hiesiger Kaufmann hatte dem Rathe das Anerbieten gemacht, vermitteln zu wollen, daß eine Gesellschaft englischer Capitalisten nach noch näher zu treffenden Vereinbarungen die Erbauung einer Pferdebahn in unserer Stadt übernehmen werde. Der Rath erklärte hierauf, daß er, so lange nicht genügend Unterlagen dafür geboten werden, daß das Unternehmen wirklich zur Ausführung gelangt und in sonstigen Beziehungen hinreichende Sicherheiten gegeben werden, nicht in der Lage ist, seinerseits weitere Erörterungen in der Sache vorzunehmen.« ⑧ Die ersten Bahnhofs­ gebäude für die Eisen- bahnanschlüsse von 1848 und 1851 Stadtarchiv Plauen

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1