Leseprobe
78 Das »lange 19. Jahrhundert« – Auftakt zur neuzeitlichen Stadtentwicklung, Industriealisierung, Großstadtbildung der Hammerstraße verwirklicht werden konnte. Nach der am 24. November 1902 erfolgten ersten Gasabgabe erhielt das Gaswerk noch 1904 den Standortvorteil ei nes Gleisanschlusses, sodass vor allem die umfangrei che Steinkohlenzufuhr aufwands- und kostengünstiger vonstattenging. Betrug der Kohleverbrauch 1857 noch 546750 Tonnen, so stieg er 1901 für die zwei Gaswerke auf 15564000 Tonnen und 1904 sogar auf 21 377500 Tonnen. Die Energieversorgung durch Strom gewann immer mehr an Bedeutung Obwohl der mit der zunehmenden Großstadtwerdung erheblich angewachsene Gasbedarf abgedeckt werden konnte, deutete der 1891 in Deutschland vorhandene Bestand von 52 Elektrizitätswerken darauf hin, dass auch für Plauen die Errichtung einer solchen Anlage zur ergänzenden neuzeitlichen Energieversorgung über dacht werden musste. So befasste sich die Stadtver waltung Ende 1891 erstmalig mit dieser Angelegenheit und bildete einen Sonderausschuss zur Errichtung ei nes städtischen Elektrizitätswerks. Dieser befürwor tete eine Ausschreibung für das Gesamtprojekt, das am 20. Mai 1896 der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin zugesprochen und gleichzeitig zur 20-jährigen Verpachtung übertragen wurde. So begann nach dem im August 1896 angefangenen Bau am 26. März 1897 die Versorgung mit Elektroenergie über die Straßenleitun gen des Elektrizitätswerks und über Hausanschluss kabel an die Abnehmer. Ende 1897 gab es 208 Haus anschlüsse, deren Anzahl sich bis zum Jahresende 1904 auf 1 361 erhöhte, wobei die werkseitige Stromübertra gung von 3 000 Volt auf 120 Volt Abnahmespannung transformiert wurde. Der kontinuierlich ansteigende Strombedarf führte von 1898 bis 1904 zu Kapazitäts erweiterungen, die zwar anfänglich auf die Beleuchtung ausgerichtet waren, sich aber rasch auch auf den Elek troantrieb ausdehnten, da die Elektromotoren beson ders für die dominierende Textilindustrie eine bessere Nutzungseignung boten. Vor der Eröffnung des Elek trizitätswerks gab es in Plauen 169 Gasmotoren, im Jahr 1904 nur noch 36. In der Stickereibranche stieg dage gen die Anzahl der effektiver einsetzbaren Elektromo toren von 75 im Jahr 1898 auf 1 690 im Jahr 1904. Das Elektrizitätswerk trug somit ganz wesentlich dazu bei, dass sowohl der Plauener Hauptindustriezweig als auch weitere industrielle und handwerkliche Branchen, die auf wirkungsvolle Antriebskräfte angewiesen waren, beachtliche Entwicklungsimpulse erhielten. Dabei wurde schon seit 1882 in bestimmten Ge schäftsbereichen, in denen eine vorteilhaftere Be leuchtungsart auf außerordentliches Interesse stieß, mittels privater Stromerzeugung eine beeindruckende Ausleuchtung erreicht. So verfügten 1896 acht Textil betriebe über fast 78 Bogenlampen und 877 Glühlam pen. 1891 gab es bereits 25 elektroerzeugende An lagen, die überwiegend von der Textilwirtschaft ge nutzt wurden sowie der Beleuchtung der Papierfabrik August Geipel, der Königlichen Industrieschule, der Apotheke Langbein & Lange, dem Elektrogeschäft J. P. Wild und des Restaurants »Prater« dienten. Zur Ab sicherung des Straßenbahnverkehrs errichtete die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft 1894 eine ei gene Kraftstation. Obwohl das Elektrizitätswerk um gehend bedeutendster städtischer Stromerzeuger wurde, waren 1898 noch 43 privat betriebene Elektro anlagen vorhanden. Eine wesentliche Ursache dafür lag in dem noch nicht flächendeckend ausgebauten Stromverteilungsnetz und damit in dem unzureichen den Erschließungsgrad zahlreicher Strombedarfs standorte. Trotzdem konnte von 1897 mit 4 602 Glüh lampen bis zum Jahr 1904 die Anschlusszahl auf 30 943 erhöht werden. ⑪ Das erste Gaswerk Plauens stammt aus dem Jahr 1856. Stadtarchiv Plauen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1