Leseprobe
80 Das »lange 19. Jahrhundert« – Auftakt zur neuzeitlichen Stadtentwicklung, Industriealisierung, Großstadtbildung gefilterten Emissionen der Industriegasse an der Wei ßen Elster nicht gegeben waren. Bereits 1881 gab es erste Aktivitäten für örtlichen Luftwechsel mit Körper pflege für eine begrenzte Anzahl Plauener Schulkinder, denen seit 1884 ein gesundheitsfördernder Ferienauf enthalt in Schöneck ermöglicht wurde. Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse durch sanitär-hygienische Maßnahmen Vor der Ausbreitung der Textilindustrie wurden schon in der Innenstadt Umweltbeeinträchtigungen spürbar, die hauptsächlich durch mangelhafte sanitär-hygienische Verhältnisse hervorgerufen worden waren. Einerseits führten die unzureichend gepflasterten Gassen, die noch verbreitete Viehhaltung der Ackerbürger und die unzulängliche Entwässerung zu einer erheblichen Ver schmutzung der Fahrwege. Außerdem trug die nicht vorhandene Gewässerreinigung zu einem sich ausbrei tenden Abwasseranteil und zu einer unangenehmen Geruchsbelästigung bei. Diesbezüglich erregte beson ders der im Kontaktbereich von Altstadt und Bahnhofs vorstadt gelegene Lohmühlenteich Anstoß bei Anwoh nern und Besuchern der Stadt. Zwar erfolgte die eigent liche Wasserzufuhr über einen Mühlgraben der Syra, jedoch verursachte die Zuleitung der offenen Abwas serschleuse aus dem alten Stadtteil vornehmlich in der warmen Jahreszeit üble Ausdünstungen. Noch im Juni 1866 wurde festgestellt, dass der Teich einen ekelhaf ten Gestank verbreitete und seine Oberfläche aus einer Bedeckung von Exkrementen bestand. Trotzdem wurde erst im Oktober 1872 vom Stadtrat der Ankauf des Loh mühlengrundstücks zeitgleich mit der Maßgabe be schlossen, die Einleitung der Schleusenwässer einzu stellen. Nachfolgend ist noch der Teich trocken gelegt und zugeschüttet worden, sodass endlich ein zentral gelegener gesundheitsschädigender Standort ver schwand. Allerdings entstand 1894 mit der Kraftstation für die Straßenbahn auf der entgegengesetzten Seite der Syrabrücke mit einem 40 Meter hohen Schornstein eine neue umweltbeeinträchtigende Stätte mit starker Ruß- und Rauchemission, über die regelmäßig Be schwerden eingingen, da das Stadtzentrum immer mehr Anziehungspunkte erhielt und stärker frequentiert wurde. Die Eindämmung von Krankheiten durch eine bessere medizinische Betreuung Größere Auswirkungen auf die damaligen Gesundheits verhältnisse hatten jedoch die sich flächenhaft im Stadtgebiet ausbreitenden Infektionskrankheiten, die besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer größeren Anzahl von Inkubationen und von Todes fällen führten. Die Ursachen bestanden unter anderem darin, dass diese teilweise pandemischen Erkrankun gen und die Ansteckungswege oft weitgehend unbe kannt waren, Impfmöglichkeiten noch nicht zur Anwen dung kamen, neben einer geringen Zahl von Allgemein ärzten noch die medizinisch dürftig vorgebildeten Ba der, Barbiere und Wundärzte als Heilkräfte fungierten und aus Kostengründen selbst auf notwendige Behand lungen verzichtet wurde. In Plauen wiesen zudem die Hospitäler St. Elisabeth und St. Johannis sehr unzurei chende stationäre Platz- und Ausstattungsbedingun gen auf. Insofern waren in dieserZeit Pocken, Ruhr, Scharlach, Darmkatarrh und Tuberkulose die wesentli chen Todesursachen. Bis zum Ende des Jahrhunderts lösten nur noch Katarrh und Tuberkulose einen höheren Morbiditätsanteil aus, da bessere hygienische Voraus setzungen und die seit 1875 wirksamen Impfungen die Verbreitung von Infektionskrankheiten eingedämmt hatten. Allerdings kam es trotzdem noch zum periodi schen Auftreten von epidemischen Krankheiten, so 1866 mit Cholera, 1869/70 und 1875 mit Typhus, 1871/72 mit Pocken, 1874 mit Masern und 1882 mit Scharlach. Seit den 50er-Jahren hatte durch Auswirkungen der zuneh menden Frauenbeschäftigung in der Textilindustrie auch die frühe Kindersterblichkeit zugenommen. In An betracht der untragbaren Zustände in den beiden Hos pitälern hatte 1843 Stadtrat Gustav Fincke, Mitbegrün der des Turnrats und der Turngemeinde sowie Vorsit zender der Armendeputation, die sich besonders um eine bessere Krankenpflege bemühte, die Anregung zur Errichtung einer Krankenanstalt gegeben, die 1850 von Stadtrat C. A. Schwauß erneut aufgegriffen wurde. Schließ lich erfolgten am 4. November 1858 die Grundstein legung an der Hammerstraße und am 31. August 1860 die Einweihung des dringend notwendigen Neubaus, der von dem in unmittelbarer Nachbarschaft wohnhaften Maurermeister Wilhelm Traugott Vogel, dem Vater von Hermann Vogel, errichtet worden ist. Leiter der Kran kenanstalt, die anfangs nur 33 Betten zur Aufnahme bot, wurde der seit 1830 in Plauen praktizierende Dr. Jacob Julius Böhler. Obwohl durch eine Behelfsbaracke Betten hinzukamen, reichte die Kapazität von 66 Krankenbet Sehr unangenehme Ausdünstungen des Lohmühlenteichs an der Ecke des Klostermarkts im Jahr 1850 Wollt’ mein teures Plauen Jüngst mal wiederschauen, Kam zur Bahnhofstraße just herein. Doch, o welche Düfte Füllten da die Lüfte! Ei, wer ist der Mann, Der da helfen kann? Warum hält der seine Nase fern? Wohlfahrtspolizei Nur getrost herbei! Hier sieht wahrlich dich der Bürger gern!
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