Leseprobe

116 Großstadt Plauen – Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittes Reich« arbeitenden Industriearbeiters, sondern nahmen eine Zwischenstellung zwischen Arbeiter und Kleinbürger ein. Durch die »stark kleinbürgerliche Prägung der Be­ völkerungsstruktur des 19. Jahrhunderts« 2 wurde der Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum in der Stadt deutlich entschärft. Angesichts des allmählich fühlbar werdenden Ein­ flusses der Arbeiterschaft in der Stadt ist es nachvoll­ ziehbar, dass in der bürgerlichen Publizistik zunehmend sentimentale Reminiszenzen an die (angeblich heile) Vergangenheit geäußert wurden. So beschrieb Ferdi­ nand Mohr, Inhaber einer Stickerei und Heimatforscher, in seinem 1913 erschienenen Büchlein »Plauen in der guten alten Zeit« den sozialen Frieden der Stadt um das Jahr 1840: »Wie anderwärts auch, zerfiel die Bewohner­ schaft von Plauen in mehrere Schichten, welche sich jedoch nicht schroff gegenüberstanden und gegensei­ tige Berührung nicht ängstlich mieden. Protzerei gab es fast gar nicht. Andererseits war auch von Neid und Miß­ gunst wenig zu verspüren. Die obere Schicht, die Hono­ ratioren, bestand aus höheren Beamten, Advokaten, Ärz­ ten, studierten Lehrern, Kaufleuten und Fabrikbesitzern [...]. Die viel zahlreichere Mittelschicht der Bevölkerung setzte sich zusammen aus den Hausbesitzern, Handels­ leuten und Handwerkern, die ihre Gewerbe betrieben, meist wie sie es vom Vater erlernt hatten. [...] Ein wenig zahlreicher Teil der Einwohnerschaft bestand aus Hand­ arbeitern und Tagelöhnern, Arbeitern in den Bleichereien und Spinnereien.« 3 Das friedliche Nebeneinander, der Zusammenhalt der sozialen Netzwerke und der Interes­ senausgleich gerieten in den ersten Jahren des 20. Jahr­ hunderts jedoch immer stärker unter Druck. Politik Eine wichtige politische Folge des starken Bevölke­ rungswachstums und der wirtschaftlichen Entwicklung war das Ausscheiden der Stadt aus dem Bezirk der Amtshauptmannschaft zum 1. Januar 1907. Ein entspre­ chendes Landesgesetz, das gleichermaßen für Zwickau galt, war am 30. April 1906 erlassen worden, doch lag die Initiative in diesem Verfahren bei der Stadt. Bereits am 9. Juni 1905 hatte der Stadtrat bei der Amtshauptmann­ schaft einen Sonderstatus beantragt, da die Belange der Großstadt immer weniger mit denjenigen der länd­ lichen Gebiete zu vereinbaren waren. 1905 stellte die Stadt mehr als die Hälfte der insgesamt 201 000 Ein­ wohner der Amtshauptmannschaft, während es 1871 lediglich 26 Prozent gewesen waren. Dies hatte zur Folge, dass der Bezirk immer stärker durch Fragen der städtischen Entwicklung betroffen wurde und entspre­ chend finanzielle Schieflagen entstanden, etwa durch eine ungerechte Verteilung der Lasten für Wegebauten. Die Kreishauptmannschaft Zwickau konstatierte dann auch im Sommer 1905 ein »besonders in letzter Zeit sehr gewachsenes Selbstbewußtsein der Bewohner der Stadt Plauen« und stimmte der Kreisfreiheit zu. 4 Dabei spielten ebenso parteipolitische Erwägungen eine Rolle, denn das Wachstum der Stadt brachte einen stärkeren Einfluss der liberalen Freisinnigen Volkspartei mit sich, durch den die dominante Rolle der agrarkonservativen Kreise im Bezirksverband geschwächt wurde. Eine wei­ tere Reform der politischen Verfassung bestand in der Trennung der seit 1873 im Stadtgemeinderat zusam­ mengefassten Organe des Stadtrats und der Stadtver­ ordnetenversammlung mit Wirkung vom 1. Januar 1908. Dieser Schritt erhöhte die Bedeutung der Stadtverord­ neten als Repräsentanten des Wahlvolks und professio­ nalisierte die Stadtverwaltung und deren Anleitung durch den Stadtrat. Die Jahre nach der Großstadtwerdung waren durch eine Verfestigung der Organisation politischer Vereine, eine allmählich spürbar werdende politische Polari­ sierung sowie das Erstarken der Sozialdemokratischen Partei (SPD) geprägt. Aufschlussreich ist die Übersicht über die Ortsvereine politischer Parteien und deren un­ gefähre Mitgliederzahlen in den Adressbüchern. Daraus ist zu entnehmen, dass in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unter den bürgerlichen Parteien die Liberalen ein deutliches Übergewicht besaßen. Vor allem der Frei­ sinn beziehungsweise die Fortschrittliche Volkspartei, ein Vorläufer der späteren Deutschen Demokratischen Partei, konnte sich auf die Gruppe der Kaufleute, Fabrik­ besitzer, Ladeninhaber, aber auch eine breite Schicht von Angestellten stützen, die sich für niedrige Steuern, Freihandel und höhere soziale Mobilität einsetzte. Durchaus nicht im Widerspruch dazu stand die Stärke von nationalistisch ausgerichteten Vereinen. Dazu zähl­ ten der Alldeutsche Verband (gegründet 1890), der Deutsche Flottenverein (1899), der Reichsverband ge­ gen die Sozialdemokratie (1907) und der Deutschnatio­ nale Handlungs-Gehilfen-Verein (1897). Die maßgebliche politische Opposition wurde durch die Sozialdemokraten gestellt. Sie organisierten in den Jahren nach 1900 sowohl Demonstrationen und Aufmär­ sche für eine Wahlrechtsreform und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen als auch die enge Zusammen­ arbeit mit den freien Gewerkschaften, deren sozialer Mittelpunkt das Gewerkschaftshaus »Schillergarten« in der Pausaer Straße war. Die frühesten nachweisbaren Mitgliederzahlen für Plauen liegen für das Jahr 1908/09 vor, als die SPD vor Ort nicht weniger als 1 500 Anhänger zählte, deutlich mehr als alle anderen parteipolitischen Vereine zusammen. In den Jahren bis zum Kriegsaus­ bruch wuchs die Zahl weiter an, bis im Frühjahr 1914 etwa 5 500 Mitglieder gezählt wurden. Diese Zahlen sind indes insofern zu relativieren, als die Organisati­ onserfolge der SPD im Vergleich zu anderen Städten und Regionen Westsachsens bescheiden blieben und sich ein erheblicher Teil der Textilarbeiter von der SPD fernhielt. So hatten im Juli 1909 die Sozialdemokraten in Plauen 1 700 Mitglieder, während zur gleichen Zeit die städtischen Wahlkreise Stollberg, Zwickau und Mitt­ weida jeweils über 3000 Mitglieder zählten. Damit spie­ gelten die parteipolitischen Verhältnisse jene Probleme 1907

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