Leseprobe
117 Plauen ist Großstadt wider, vor denen auch die Gewerkschaften standen, um die Arbeiter zu organisieren. So bemerkte Hans von Langermann in seinem 1909 erschienenen Buch über die soziale Lage der sächsischen Textilarbeiter, dass zwar »in Crimmitschau mit seinen 23000 Einwohnern 4000 organisierte Textilarbeiter sind«, im wesentlich größeren Plauen jedoch nicht einmal 1 000. 5 Frauen spielten in den politischen Parteien eine völlig untergeordnete Rolle. Beitreten durften sie diesen erst mit dem Erlass des Reichsvereinsgesetzes von 1908. Die revidierte Städteordnung von 1873 und die Orts statuten der Stadt, die ein Zensuswahlrecht ausschließ lich für männliche Inhaber des städtischen Bürgerrech tes vorsahen, sorgten auch weiterhin für den Ausschluss des größten Teils der erwachsenen Bevölkerung von den Kommunalwahlen. Frauen blieb in Deutschland bis 1918 das aktive wie passive Wahlrecht ohnehin ver wehrt. Noch zu den Stadtverordnetenwahlen vom 24. No vember 1913 waren von 128000 Einwohnern lediglich 10905 wahlberechtigt. Anders als bei den Reichstags wahlen besaßen die bürgerlichen Wahllisten bis 1912 quasi eine Monopolstellung bei den kommunalen Wah len. So wurden bei der Wahl am 20. November 1905 drei bürgerliche Listen aufgestellt (die Listen des Bürger vereins, des Freisinns sowie der Haus- und Grund stücksbesitzer), die teilweise identische Kandidaten aufführten, sodass die Liste der Sozialdemokraten keine Chance besaß. Doch der vermehrte Wohlstand in der Stadt, der auch einer wachsenden Zahl von Arbeitern und Arbei terinnen zugutekam, ermöglichte trotz der weiter be stehenden sozialen Schieflage einer zunehmenden Zahl von Arbeitern den Erwerb des Wahlrechts, sodass sich die Lücke zwischen den Kandidaten der politischen La gern allmählich zu schließen begann. Obwohl der Anteil der sozialdemokratischen Stimmen von 27 Prozent im Jahr 1909 auf 41 Prozent im Jahr 1911 stieg, blieben die Kandidaten der SPD außen vor. Erst 1912 wurde schließ lich eine längst fällige Reform des lokalen Wahlrechts beschlossen, die die Kommunalwahlen für breitere Be völkerungsschichten öffnete. Nunmehr erreichte die SPD den Einzug in das Stadtparlament, auch wenn sie dort eindeutig in der Minderheit blieb: Noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg stellte man lediglich neun von 58 Stadtverordneten Auf lokaler Ebene blieb es bei der klaren Dominanz des liberal-bürgerlichen Lagers. Diese bestand ebenso im Stadtrat, der von den liberalen Ober bürgermeistern Johannes Schmid (1902 bis 1912) und Julius Dehne (1912 bis 1916) geleitet wurde. Ein anderes Bild ergab sich bei den Reichstags wahlen in Plauen, da diese nach dem gleichen und ge heimen Männerwahlrecht durchgeführt wurden. Nach dem Durchbruch des Jahres 1903, bei dem 22 der 23 sächsischen Wahlkreise von den Sozialdemokraten ge wonnen worden waren (darunter auch der Wahlkreis 23 – Plauen), wurde die SPD 1907 im Plauener Wahlkreis stärkste Partei, verlor aber dennoch das Mandat, da der Liberale Oscar Günther die Unterstützung sowohl des Freisinns wie der Konservativen genoss. Bei der Reichs tagswahl von 1912 konnte die SPD mit Hermann Jäckel dieses Mandat jedoch zurückgewinnen. Die Reichstags wahlen spiegeln die parteipolitische Landschaft Plau ens realistischer wider als die Wahlen zur Stadtverord netenvertretung. Seit der Entwicklung zur Großstadt gewann die organisierte Arbeiterschaft allmählich an Gewicht. Vor dem Kriegsausbruch 1914 konnte trotz der stär ker werdenden Polarisierung der soziale Frieden der Stadt weitgehend gewahrt werden. Aufbauend auf einem starken wirtschaftlichen Wachstum und dem damit ver bundenen Wohlstandsgewinn breiter Bevölkerungs kreise wurde eine Verschärfung ökonomischer und poli tischer Konflikte verhindert. Zwar kam es insbesondere seit 1910 zu einer zunehmenden Zahl von Streiks für Lohnerhöhungen, die nicht selten von Ausschreitungen, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen begleitet waren. Diese betrafen allerdings weitgehend Gewerbe zweige wie das Bauhandwerk, zum Beispiel die Stein metzgehilfen, Maurer, Tischler und Bautischler, Zement arbeiter und Bauarbeiter. Lohnkämpfe in der Textilindus trie waren dagegen eher selten. Der Grund dafür dürfte nicht zuletzt darin zu suchen sein, dass vor allem die Lohnsticker ihr gesellschaftliches Fortkommen weniger im gewerkschaftlichen und politischen Zusammen schluss als vielmehr in individuellem Ehrgeiz suchten. Auch die Reformbemühungen der Frauenbewegung erreichten Plauen, doch blieb hier gleichfalls eine Ra dikalisierung aus. Bestimmend war der 1907 gegrün dete Frauen-Verein unter Leitung von Eugenie Schu mann, laut Marte Sorge »eine geistig führende Frau in Plauen«, 6 der sich nicht zuletzt in der sozialen Unter stützung von Frauen hervortat, etwa durch die Grün dung eines Frauenheims und einer Rechtsschutzstelle für Frauen sowie kulturelle Veranstaltungen. Politischer Verein 1904/05 1906/07 1908/09 1910/11 1912/13 1914/15 Alldeutscher Verband 500 450 460 410 450 450 Freisinn/Fortschrittliche Volkspartei k. A. 350 400 450 600 500 Nationalliberaler Verein 260 k. A. k. A. k. A. k. A. 500 Konservativer Verein 190 160 188 193 k. A. 380 Sozialdemokratischer Verein k. A. k. A. 1 500 1 500 5000 5500 Reichsverband gegen die Sozialdemokratie k. A. k. A. 600 600 600 k. A. Mitgliederzahlen politischer Vereine in Plauen, 1904/05 bis 1914/15 1912
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