Leseprobe
118 Großstadt Plauen – Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittes Reich« Stadtentwicklung Ende des Jahres 1904 umfasste das Plauener Stadtge biet etwa 3 134 Hektar, eine Fläche, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs weitgehend konstant blieb. In der Stadt befanden sich 15 Plätze und 255 Straßen, wäh rend es knapp 20 Jahre später 22 Plätze und 305 Stra ßen waren. Jahr Plätze Straßen 1904 15 255 1908 16 270 1910 20 276 1913 20 292 1923 22 305 Plätze und Straßen, 1904 bis 1923 In Verbindung mit dem anhaltenden Bevölkerungs wachstum wuchs auch die Zahl der bebauten Grund stücke von 4888 im Herbst 1904 auf 5895 im Herbst 1913 sowie auf 6003 Ende 1919. Im Zuge des Städtewachstums wurden zahlreiche Wohnhäuser im Stil des Historismus sowie des Jugend stils errichtet, die zum Teil trotz der kriegsbedingten Zerstörungen bis heute das Stadtbild prägen, so etwa in der Straßberger Straße, in der Dittesstraße, der Dies terwegstraße, der Pausaer Straße und am Streitsberg. Für die Vorstädte und Randgebiete (zum Beispiel Reusa, Reißig, Bärenstein- und Tenneragebiet) entwickelte das Stadtbauamt bis 1911 eine Reihe von Bebauungsplänen, die nicht immer aufeinander abgestimmt waren; 1912 wurde daraufhin ein Ressort für Stadterweiterung im Stadtbauamt eingerichtet, das die Planungen künftig koordinierte. Von besonderer Bedeutung erwies sich die Errichtung der Kaserne 1903, da sich hieran eine bauliche Erschließung des Westends anschloss. Auch sorgte die Ansiedlung neuer Industriebetriebe in den Jahren 1906 bis 1910 dafür, dass sich das Stadtgebiet weiter Richtung Westen ausdehnte. Das zentrale Problem der Stadterweiterung stellte der Wohnungsbau dar, der aufgrund des Bevölkerungs wachstums zu einem drängenden Problem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde. Hans von Langermann merkte 1909 kritisch an, dass mit dem industriellen Auf schwung Plauens eine Verschlechterung des Woh nungsangebots und der Wohnverhältnisse einherge gangen sei, die »für die Industrie direkt zu einer Kalami tät wurde. Die herangezogenen Arbeiterfamilien mußten 300–350 M. Miete [im Jahr, SF] zahlen. Die Folge war, daß sie gar bald Plauen wieder verließen. [...] Seßhafte, geübte Arbeiter wurden immer seltener und konnten durch jüngere, alleinstehende, ungeübte Arbeitskräfte aus Greiz, Gera usw., die in der Regel auch Plauen bald wieder verließen, nicht ersetzt werden.« 7 Diese Schief lage verschärfte sich noch ab dem Jahr 1911, als der Boom der Textilindustrie die Stadt förmlich aus den Nähten platzen ließ. Bereits 1905 lagen die Jahres- Mietpreise im Durchschnitt bei 285 Mark für eine Ein- Zimmer-Wohnung mit Küche, 377 Mark für eine Zwei- Zimmer-Wohnung mit Küche, 509 Mark für eine Drei- Zimmer-Wohnung und 682 Mark für eine Vier-Zimmer- Wohnung. 1912 zählte Plauen mit jährlichen Mietpreisen von 320 bis 420 Mark für Stube, Kammer und Küche zu den Spitzenreitern unter Deutschlands Städten. Für einen verhältnismäßig gut verdienenden Fabriksticker mit 30 bis 40 Mark in der Woche waren solche Mieten noch erschwinglich, andere Haushalte stießen damit an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit: Ein guter Weber etwa brachte im Monat etwas mehr als 100 Mark mit nach Hause, im Akkord arbeitende Ausbesserinnen, Plätterinnen, Stepperinnen und Aufmacherinnen (Ver packerinnen) kamen auf etwa 100 Mark monatlich, und ein »Studierter«, ein junger Volksschullehrer, fing in Sachsen mit 1 600 Mark Jahresgehalt plus 500 Mark Wohngeld an. Stadt Jahresmiete für eine Stube + Kammer + Küche (in Mark) Plauen 320–420 Zwickau 240–260 Chemnitz 280–350 Dresden 240–395 Halle 210–270 Jena 180–220 Hamburg Innenstadt 390–430 Hamburg Vororte 280–400 Dortmund 330–360 Bochum 310–330 Jährliche Mietpreise für Arbeiterwohnungen in deutschen Städten, 1912 ③ Häuserzeile an der Herren- straße mit Blick auf den Altmarkt, um 1910. In den beiden hinteren Gebäuden saßen das Einwohnermeldeamt und das Polizeiamt. Die Häuser mussten für den Bau des neuen Rathauses weichen. Stadtarchiv Plauen
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