Leseprobe
119 Plauen ist Großstadt Die private Bautätigkeit sowie die Bereitstellung von großen Wohnbauten durch die 1897 gegründete und bis 1922 tätige Baugesellschaft Plauen GmbH, die bis 1913 insgesamt 40 Häuser mit 453 Wohnungen errich tete, konnten die Nachfrage nicht befriedigen. 1912 erfolgte daher auf Initiative der Ortsgruppe Plauen des Kartells sächsischer mittlerer Staatsbeamter, des evan gelischen Arbeitervereins und des Ortsverbands des deutschen (Hirsch-Dunckerschen) Gewerkvereins die Gründung des Gemeinnützigen Wohnungsbauvereins Plauen, dessen Ziel es war, Wohnraum für minderbemit telte Familien zu schaffen. Der Verkauf städtischer Grundstücke an den Wohnungsbauverein traf zwar zu nächst auf den Widerstand des Arbeitgeberverbands für Baugewerbe, der Maurer- und Zimmerer-Innung und der Plauener Haus- und Grundstückbesitzer-Vereine, da das Bauland zu stark vergünstigten Preisen abgegeben und daher eine Konkurrenz der öffentlichen Hand zur privaten Wohnbautätigkeit befürchtet wurde. Doch sah es der Stadtrat als eine soziale Verpflichtung an, den Wohnungsbau finanziell zu fördern. Zu den ersten Projekten des Wohnungsbauvereins gehörte die Errich tung von Mietshäusern an der Meßbacher Straße und Weischlitzer Straße, die 1913 fertiggestellt wurden. Auch in den 1920er-Jahren wurde die Bautätigkeit fort geführt: So entstanden 1926 drei Mietwohnhäuser an der Morgenberg- und Hans-Sachs-Straße in Hasel brunn, 1927 sechs Häuser an der Hans-Sachs- und Alleestraße sowie 1929 sieben Häuser an der Dobenau straße. Damit erwies sich der Wohnungsbauverein als wichtiger Impulsgeber für den Wohnungsbau nach 1912. Während des Weltkriegs wurden zudem Pläne für eine »Kriegerheimstätte« entworfen, die den heimkehren den verwundeten Soldaten und ihren Familien die Grundlage für einen Neuanfang geben sollte. 1920/21 entstand so durch den Reichsverband deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebener eine Siedlung an der Reusaer Straße und Damaschkestraße mit 24 Häusern. Der Wohnungsmarkt entspannte sich trotz des Woh nungsbaus und des Bevölkerungsrückgangs auch nach 1912 nur wenig. Als nach 1918 die Einwohnerzahlen wie der zu steigen begannen, zugleich jedoch die Wirt schaftskrise die Bautätigkeit stark behinderte, ver schärfte sich die Wohnungsnot wieder. Wie die Woh nungsnotzählung vom Oktober 1926 ergab, existierte bei einem Gesamtbestand von 32800 Wohnungen ein Bedarf von 3297 Wohnungen, das heißt eine Lücke von etwa zehn Prozent. Auf je 1 000 Einwohner kamen zehn »dringendst fehlende Wohnungen« (Landesdurch schnitt: 8,99 je 1 000 Einwohner). 8 Das Bild änderte sich in den folgenden Jahren eher zum Negativen: Bei der Wohnungsnotzählung vom 31. Mai 1929 hatte sich die Zahl der »dringendst fehlenden Wohnungen« je 1 000 Einwohner auf 12,24 erhöht. 9 Aufgrund des Baubooms nach der Großstadtwer dung entstanden zahlreiche neue Gebäude von zum Teil hohem architektonischem Wert. Allein in den Jahren 1905 bis 1907 zählten dazu: die 11., 12. und 13. Bürger schule (1905/06), der Neubau der Stickerfachschule (1907), der Neubau des Realgymnasiums und die Erwei terung des Elektrizitätswerks (1907). In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg kamen das Lutherhaus (1907/08), der Neubau des Cafés Trömel (1908), das Kaufhaus Tietz am Postplatz (1912 bis 1914), die Feuerwache (1913) so wie der Neubau der Handelskammer an der Breite Straße (heute Friedensstraße) nach einem Entwurf des renommierten Dresdner Architektenbüros Lossow & Kühne (1913 bis 1915) hinzu. Neben der baulichen Gestaltung des Stadtwachs tums wurde zudem die Herstellung von Grünanlagen im Sinne der Stadtverschönerung und der Auflockerung der Bebauung weitergeführt. Bereits Bürger- und Ober bürgermeister Oskar Kuntze (1865 bis 1893, 1882 wurde der Titel Oberbürgermeister in Plauen eingeführt) hatte sich als Verfechter des Stadtgrüns in Form von Hainen einen Namen gemacht. In seine Amtszeit fallen denn auch die Anfänge des Plauener Stadtparks am Bären stein. Am 9. April 1887 wurden zu Ehren Kaiser Wilhelms I. auf einem Grundstück zwischen Tennera und der Bahn linie nach Eger, in Nachbarschaft zum zwei Jahre zuvor bepflanzten Bismarck-Hain, 90 Eichen gepflanzt, die den Kern eines Kaiser-Wilhelm-Haines bildeten. In den folgenden Jahren wurde der Kaiser-Wilhelm-Hain nach und nach erweitert, bis Anfang 1893 Ratsoberförster Wilhelm Mauksch dafür plädierte, die bestehenden An lagen an Bärenstein und Tennera zu einem Stadtpark zu erweitern. Mithilfe einer anonymen Spende von 9000 Mark konnte bis 1899 eine landschaftsgärtnerische Zusam menführung der Grünanlagen erreicht werden. Im De zember 1902 schrieb die Stadt schließlich einen Wett bewerb für die weitere Vereinheitlichung des Geländes zu einem Park aus. Nunmehr begann sich die Bezeich nung »Stadtpark« durchzusetzen. Derselbe konnte am 27. August 1906 schließlich für die Öffentlichkeit frei gegeben werden. Parkähnlich gestaltet wurde auch ein neuer Haupt friedhof im Stadtteil Reusa. Die Arbeiten an der Anlage begannen 1912, sechs Jahre später nahm die Begräbnis stätte den Betrieb auf. Im Januar 1910 speiste die neu erbaute Talsperre Werda erstmals Trinkwasser in das Plauener Wasser netz ein. Bis dahin hatte sich die Stadt aus vier Quellen- und Grundwasserleitungen sowie zwei Tiefbrunnen ver sorgt, bei der wachsenden Bevölkerung reichte dieses Reservoir auf Dauer jedoch nicht mehr aus. Ein wichtiger Faktor für die Stadterweiterung war der Ausbau des Verkehrsnetzes. Auch nach 1904 war die zehn Jahre zuvor gegründete Straßenbahn das wichtigste Verkehrsmittel und zugleich Impulsgeber für die Errichtung neuer Gebäude und Wohnviertel. Zum 1. Januar 1905 war die Linie von Haselbrunn nach Neun dorf bis zur Kaserne verlängert worden. Im April 1905 wurde die neue Linie Dittrichplatz – Friedrich-August- Brücke–Bahnhofstraße–Lessingstraße gebaut, die den Betrieb im August des gleichen Jahres aufnahm und 1906
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