Leseprobe

122 Großstadt Plauen – Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittes Reich« nung. Erst im Jahr 1908 konkretisierte sich diese inso­ fern, als der architektonische Entwurf eines Neubaus mit einer Frist bis Ende Juni 1909 ausgeschrieben wurde. Aus den 113 eingehenden Entwürfen wurden in einem mehrstufigen Verfahren schließlich zwei Sieger gleichberechtigt ermittelt, nämlich die Entwürfe von Willy Graf aus Stuttgart und Georg Wrba aus Dresden. Allerdings wurden auch diese Entwürfe nicht als völlig befriedigend eingeschätzt, und so wurde der seit 1910 amtierende neue Stadtbaurat Wilhelm Goette mit einem neuen Entwurf beauftragt, der schließlich 1911 abgesegnet wurde. Nachdem für die drei Bauabschnitte insgesamt gut 4,4 Millionen Mark bewilligt worden wa­ ren, konnte im Herbst 1912 mit den Ausschachtungs­ arbeiten für das neue Gebäude begonnen werden. Am 2. September 1913 erfolgte die Grundsteinlegung. Über den Standort des neuen Rathauses gab es keine längeren Diskussionen, war man doch allgemein der Auffassung, das Gebäude möglichst zentral am Unteren Graben in der Nähe des alten Rathauses zu er­ richten. Umstritten war jedoch das Schicksal des alten Rathauses, dessen Abbruch mehr Platz für den Neubau geschaffen und einen direkten Zugang zum Altmarkt gewährleistet hätte. Letztlich setzten sich dessen Ver­ teidiger aber durch, sei das alte Rathaus doch schließ­ lich »das einzige, wertvolle Gebäude aus alter Zeit in Plauen« und stelle »einen Berührungspunkt mit der Ver­ gangenheit dar, welcher in unserer schnelllebigen Zeit zu wichtig ist um ihn leichten Herzens zu zerstören«. 14 Am 7. Juni 1910 sprach Stadtbaurat Wilhelm Goette vor der Stadtverordnetenversammlung und verkündete, das alte Rathaus sei keineswegs baufällig, sein Erhalt als kulturhistorisches Zeugnis daher umso dringender ge­ boten. Diesem Urteil schlossen sich die Stadtverordne­ ten an, sodass die bis heute im Plauener Stadtbild so charakteristische Verbindung von Altem und Neuem im Rathausbau verwirklicht wurde. Der Bau des neuen Rathauses zog sich über eine längere Zeit hin, in der die Stadt tiefgreifende Zäsuren erlebte. Oberbürgermeister Julius Dehne hatte bei der Grundsteinlegung ausgeführt: »Plauen ist eine ernste Stadt, eine Stadt der Arbeit, eine Industriestadt. Diese Eigenart unserer Stadt wird auch dieses Haus wider­ spiegeln: es soll werden edel in der Form, gut im Stoffe, aber schlicht im Schmucke.« 15 Der »Ernst« hatte seit dem Herbst 1912 in Gestalt der Krise der Textilindustrie eine nicht unerhebliche Vertiefung erfahren. Eine wei­ tere Zäsur stellte der Kriegsausbruch 1914 dar, der gleichfalls die Stadt wirtschaftlich und psychologisch hart traf und auch den Rathausneubau verzögerte. So wurde der Rohbau mitten im Krieg fertiggestellt, und am 25. September 1916 wurde auf dem Turm als Zeichen der Vollendung ein Turmknopf mit Wetterfahne angebracht. Eine offizielle Einweihungsfeier gab es jedoch nicht, da aufgrund der Zeitumstände die Räumlichkeiten nicht sofort bezogen werden konnten. Erst vom 6. bis zum 10. September 1918 bezog die Hauptverwaltung das neue Rathaus, während die übrigen Abteilungen in den Folgejahren einzogen. 1921 wurde dieser Prozess mit dem Einzug des Statistischen Amtes am 22. März, dem Bezug des Stadtverordnetensaales am 27. Mai und des Ratssitzungssaals am 19. August abgeschlossen. Als Stadtverordnetenvorsteher Ulrich Otto den neuen Sit­ zungssaal der Stadtverordneten seiner Bestimmung übergab, stellte er fest, wie stark sich seit Baubeginn die Zeitumstände und das Schicksal der Stadt gewan­ delt hatten: »Wir stehen vor der Vollendung des Gebäu­ des, und doch [herrscht] keine freudige, keine festliche Stimmung, keine Feier, die die Bedeutung des Tages auch äußerlich zum Ausdruck brächte. Wir beugen uns der Not der Zeit. Und die Not der Zeit ist auch der Grund, weshalb dieser Raum nicht die künstlerische Ausschmü­ ckung erfahren hat, die geplant war und die wir ihm alle gern gewünscht hätten.« 16 Das neue Rathaus wurde damit zum Symbol einer Schwellenzeit: zur Zeit der Blüte geplant, im Krieg gebaut und in der Krise eröffnet. Gleich oberhalb des geplanten neuen Rathauses er­ öffnete im Oktober 1912 die neue städtische Sparkasse. In das Gebäude zog Anfang der 1920er-Jahre auch die Stadtbücherei ein, zuvor fand die Ausleihe durch zwei ehrenamtlich tätige Lehrer in der Dobenaustraße statt. Direkt neben der Sparkasse begann 1913 der Bau einer zeitgemäßen Feuerwache, die 1916 teilweise und nach dem Ersten Weltkrieg vollständig in Betrieb ge­ nommen wurde. Eine Berufsfeuerwehr unterhielt die Stadt seit 1907, die bis dahin für den Brandschutz ver­ antwortliche Freiwillige Bürgerfeuerwehr blieb parallel dazu bestehen. Sichtbare Zeichen und Symbole des Selbstbewusst­ seins der bürgerlichen Gesellschaft der Stadt waren schließlich auch die figürlichen Denkmäler. Nachdem bereits vor der Großstadtwerdung 1904 eine Reihe von Denkmälern errichtet worden war, stellte das Projekt eines Reiterstandbilds für den 1902 verstorbenen säch­ sischen König Albert das größte Vorhaben dieser Art bis zum Ersten Weltkrieg dar. Grundlage war die verbreitete Verehrung für den Monarchen, die sich bereits unter ⑤ Friedrich-August-Brücke, 1906 nach ihrer Fertigstellung Stadtarchiv Plauen 1918

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