Leseprobe
128 Großstadt Plauen – Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittes Reich« den Eltern – meist kleine Bauern und Handwerker – woh nen, eine verhältnismäßig größere Summe für Putz und für Naschwerk verwenden, als für eine ordentliche Kost. Die Plauener Mädchen lieben übermäßig den Putz. [...] Infolge [dieser Vorliebe, GN] für Süßigkeiten aller Art besteht in Plauen eine abnorme Zahl von Konditoreien und Konfekt-Läden.« Besonderes Augenmerk der Arbeiter-Kommission galt neben der örtlichen Industrie auch den Bildungs einrichtungen in Plauen. Sie besuchte Einrichtungen der Berufsbildung, wie die Kunstschule für Textilindus trie, und auch Volks- sowie Fortbildungsschulen. Das im Report nachzulesende Fazit der Gäste von der Insel: Plauen hat mit Blick auf seine industrielle Entwicklung nicht nur der allgemeinen Ausbildung große Aufmerk samkeit zugewandt, sondern ganz besonders allem, was mit Handel und Industrie in Zusammenhang steht. Die Plauener Fortbildungsschulen haben immer zu den bes ten in Sachsen gehört. Schulzwang für diese Schulen ist von der preußischen Städteverwaltungen erst neu erdings eingeführt worden. In Plauen dagegen war der Besuch einer solchen Schule für Mädchen beim Verlas sen der Elementarschule schon seit 1876 verbindlich. In einer Volksschule, deren Schüler hauptsächlich Arbeiterkinder waren, sprach die Kommission in einer Klasse mit elf- bis zwölfjährigen Mädchen. Deren intel ligente Antworten und ihre saubere Erscheinung lösten bei den Engländern Erstaunen aus. Auf die obligato rische Frage, ob es jemanden unter ihnen gäbe, der zu Hause nicht genug zu essen habe, antworteten die Mädchen mit einhelligem Gelächter. Ohne Ausnahme waren dies Kinder von Arbeitern aus benachbarten Ge schäften und Fabriken und aus Familien kleiner Hand werksbetriebe. »Goldene Jahre« Aus der spannenden Mikro-Perspektive zurück zur Ma kro-Perspektive auf die Entwicklung von Plauen zwi schen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg; Lang anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung, der vom Be ginn der 80er-Jahre des l9. Jahrhunderts bis zum Vor abend des Ersten Weltkriegs währte, ließ Plauen und die Plauener Bürger noch einmal »goldene Jahre« durchle ben und löste die bislang stürmischste Phase in der Ent wicklung der Stadt aus. »Im Großen und Ganzen [...] war die organische Fortentwicklung ehrwürdiger gesell schaftlicher Traditionen nicht die starke Seite Plauens. Es war eine Emporkömmlingsstadt, in der jeder seines Glückes Schmied war, in der nicht die Herkunft, sondern die Tüchtigkeit und der geschäftliche Erfolg entschieden. Wenn dieser Stadt daher auch die selbstverständliche, in vielen Generationen gewachsene Kultur-Patina fehlte, [...] so brauchte man sich hier doch auch nicht von den vielen Bindungen beengt fühlen, die oft das Zusammen leben in überlieferungsreichen Städten belasten. Plauen bot Vorurteilslosigkeit und Bewegungsfreiheit. Es lebte sich leicht und angenehm in seinen Mauern.« 22 Zwischen Spitzenboom und Spitzenpleite »Mode übt auf Industrien, die Modeartikel herstellen, eine unheimliche Kraft aus. Sie vermag blühende Indus trien mit einem Schlage zu vernichten.« 23 Auf dem Höhe punkt des internationalen Spitzenbooms 1911/12 vollzog sich ein in seiner Dimension und Tragweite von nur we nigen Zeitgenossen in Plauen, im Vogtland und in Sach sen erkannter plötzlicher, tiefgreifender und – wie sich zeigen sollte – irreversibler modischer Wandel auf inter nationaler Ebene. Dieser Wandel war die direkte Folge des Ausklingens von Historismus und Eklektizismus als den stilprägenden Phänomenen des 19. Jahrhunderts. Die von Paris dominierte Modewelt löste sich – unwider ruflich wurde dies mit dem Fall der europäischen Mon archien, mit dem zugleich ihre bis dahin bestimmende Rolle in der Mode fiel – vom höfischen Vorbild und nahm sich der bürgerlichen Reformkleidung an, die Sticke reien und Spitzen – zumindest in der Alltagskleidung – weitgehend verwarf. Fortgeschrittenes Industriezeit alter und bürgerliche Damenmode befanden sich nun mehr im Einklang. Das Interesse des In- und Auslands an historisieren den Erzeugnissen aus Plauen und dem Vogtland erlosch fast jäh, was jedoch nicht bedeutet, dass es gar kein Interesse an Stickereien und Spitzen mehr gab. 1913 sank der Wertumfang allein der Exporte nach den USA auf rund 50 Prozent des Wertes von 1912. Die daraus resultierende Absatzkrise verstetigte sich für Plauen und das Vogtland zur langanhaltenden Strukturkrise, verbunden mit erheblicher Erwerbslosigkeit, raschem, wenn auch moderatem Bevölkerungsschwund, und – auf lange Sicht – sozialem Abstieg breiter Bevölkerungs Wirtschaftspartner USA Zwischen 1887 und 1917 existierte der Plauener Konsulatsbezirk der USA, der, veränderten wirtschaftlichen Gegebenheiten folgend, mehrfach seine Gestalt wandelte und im Jahr 1909 seine größte Ausdehnung erreichte. Er umfasste damals neben dem Regierungsbezirk Zwickau das Fürstentum Reuss älterer Linie, den Bezirk des fürstlichen Landratsamtes Schleiz, die preußische Enklave Gefell sowie den nördlichen Teil des bayerischen Regierungsbezirks Oberfranken. Von der Jahrhundertwende bis 1912 stiegen die Exporte des Plauener Kon- sulatsbezirks nach Nordamerika insgesamt auf das Achtfache und der Wert der Spitzen- und Stickereiausfuhren auf das über 16-fache. Die Export zahlen der Stickereimaschinenindustrie schließlich kletterten auf das 310-fache. Diese Zahlen zeigen Trends an und weisen auf Interessenver- schiebungen hin. Sie sagen jedoch nichts aus über die reale Bedeutung der Exportzweige, können doch die schwindelerregenden Steigerungsraten der Maschinenexporte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Anteil an der Gesamtausfuhr des Konsulatsbezirks Plauen niemals die Obergrenze von knapp acht Prozent (1913) überschritt. Der Anteil der Spitzen- und Stickerei ausfuhren lag hingegen stets im Bereich zwischen 55 Prozent (1900) und 83 Prozent (1903/04). Gerd Naumann 1911/12
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