Leseprobe

129 Plauen ist Großstadt kreise bis hin zur existenziellen Bedrohung für die Sti­ ckerei- und Spitzenbranche und ihrer Protagonisten schlechthin. Hauptgrund für Ausmaß und Tiefe der Krise war die bereits erwähnte Branchenmonostruktur der Plauener Wirtschaft – das Ergebnis jahrzehntelanger einseitiger Orientierung auf Stickerei- und Spitzenherstellung, unter sträflicher Missachtung der Gefahren erhöhter Krisenanfälligkeit, die der von Mode und Exporten au­ ßerordentlich abhängigen Branche immanent war. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dessen wirtschaftliche Folgen traf die bereits leidgeprüfte Branche mit voller Wucht. Im Juli 1915 wurde staatli­ cherseits ein Herstellungsverbot für Baumwollwaren erlassen, Mitte 1917 wurde Seide der freien Verwen­ dung entzogen. Im April 1917 schließlich erfolgte die Beschlagnahme der im Auftrag deutscher Firmen an­ gelegten großen Baumwolllager. Von den Rohstofflie­ ferungen des Auslands abgeschnitten und ihrer Ex­ portmöglichkeiten beraubt, stagnierte die Fertigung und kam mit dem Kriegseintritt der USA 1917 gänzlich zum Erliegen. Es darf wohl als Zeichen eines uner­ schütterlichen Optimismus interpretiert werden, dass sich die Plauener Kunstschule mit Mustern für mo­ derne Maschinenspitzen an den Ausstellungen des Deutschen Werkbunds in Basel (1917) und Kopenhagen (1918) beteiligt hatte. Der modische Umbruch verstärkte die Bemühungen um neue Wege in der Spitzenherstellung. Neben Re­ formbewegungen, die von der Handarbeit (Margareten­ spitze) und von der Volkskunst ausgingen, gab es auch Versuche, unmittelbar für die Stickmaschine neue Spit­ zenformen zu entwickeln (Zellenspitze). Wie vordem der Jugendstil und die präraffaelitische Kunstrichtung, so wollte sich die Spitzen- und Stickereiindustrie nun auch der kubistisch-futuristisch-expressionistische Formen­ sprache bedienen. Es zeigte sich jedoch, dass die neue, bizarre Ornamentik, die der Anlehnung an herkömmliche Vorbilder grundsätzlich auswich, auf Dauer nicht jene ausgewogene, wohltuende Wirkung aufs Auge auszu­ strahlen vermochte, die das Geheimnis der traditionel­ len Ornamentgebilde war. Allen Modernisierungsbestre­ bungen zum Trotz behauptete sich daher gerade in der Spitze das zeitlose, klassische Muster. Seit den 1930er- Jahren war auf der ganzen Welt eine ausgesprochene Renaissance der bewährten klassischen Genres zu registrieren. Militärstandort – die Friedenszeit des 10. Königlich-Sächsischen Infanterieregiments Nr. 134 Am 22. Juni 1898 ging ein langersehnter Wunsch der Plauener in Erfüllung, als das Königlich-Sächsische Kriegsministerium dem Stadtrat zu Plauen die beson­ dere Genehmigung erteilte, eine Garnison in der Stärke eines Infanterieregiments mit drei Bataillonen nach Manuel Fleischer Plauen zu verlegen. Schon im Mai 1900 konnte mit dem Kasernen- und Lazarettbau in Plauen-Neundorf be­ gonnen werden. Etwa einen Kilometer östlich von Schneckengrün (circa zehn Kilometer westlich von Plauen) wurde der Schießstand des Regiments mit ei­ ner Gesamtfläche von 6,480 Hektar errichtet, während der Garnisonsexerzierplatz, mit einer Gesamtfläche von 40,528 Hektar, zwischen Neundorf und Kobitz­ schwalde lag. Am 1. Oktober 1903 zogen die »134er« schließlich unter den Klängen des Mückenberger Mar­ sches (»Plau’n bleibt Plau ’n«) in die festlich ge­ schmückte Stadt ein. Zwischen dem 1. Dezember 1900 und dem 12. Okto­ ber 1904 stieg die Einwohnerzahl Plauens um 28428 Menschen. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte die Einrichtung der Garnison. Etwa 1 800 Neu- Plauener waren Angehörige der »134er«, allein im ersten Jahr der Stationierung verlegten 973 Angehörige des ehemals in Leipzig-Gohlis ansässigen Regiments ihren Wohnsitz nach Plauen, denen 1904 ungefähr genauso viele folgten. Dazu kamen Familienangehörige und Dienstleister, um die Kaserne herum entstand ein kom­ plett neuer Stadtteil. Ab 1905 stabilisierte sich der Anteil der Militärs in der Einwohnerzahl Plauens bei circa 1 850 bis 1 900 eingetragenen Personen. Allerdings handelte es sich dabei nur um einen Teil des Regiments, die Regiments­ stärke betrug zur damaligen Zeit etwa 2500 bis 3000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das Regiment vollständig in Plauen stationiert, die Verpflegungsstärke lag bei den »134ern« vor der Abfahrt zur Front am 9. August 1914 bei circa 3350 Soldaten, Unteroffizieren und Offizie­ ren, von denen ein kleiner Teil noch in der Kaserne zurückblieb. ⑫ Gern an die Lieben nach Hause geschickt: Postkarte von der Plauener Kaserne, um 1910 Stadtarchiv Plauen 1903

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