Leseprobe
194 Plauen im Sozialismus wenigen rationierten käuflichen Nahrungsmittel reich ten zum Leben kaum aus. Es begannen die Hamster fahrten, die Hunger leidenden Stadtmenschen tausch ten bei den Bauern Schmuck, Wäsche und anderen Besitz gegen Brot, Kartoffeln, Eier und Speck oder sie lasen abgeerntete Felder nach. Zur Trümmerberäumung hatte das Stadtbauamt schon Ende April alle Firmen und Werkstätten aufgefor dert, soweit möglich Baumaschinen, Baugeräte, Kräne und andere Technik bereitzustellen. Parallel zu den Auf räumarbeiten begann die schrittweise Instandsetzung des Strom-, Wasser- und Gasleitungsnetzes im Stadt gebiet, wobei sich zunächst auf die noch bewohnbaren Straßenzüge sowie auf Ernährungsbetriebe konzen triert wurde. Mitte Mai 1945 richteten die Besatzer in der Elster aue zwischen Straßberg und Kürbitz ein Internierungs lager für deutsche Militärangehörige ein. Nach ameri kanischen Angaben wurden aus diesem Lager im Juni 1945 täglich bis zu 1 000 Mann entlassen. In den ersten Nachkriegswochen trieben sich in der Stadt mehrere Tausend befreite Kriegsgefangene und Fremdarbeiter herum. Plünderungen, Diebstähle und Körperverletzungen waren an der Tagesordnung. Um die Situation unter Kontrolle zu bekommen, brachte die Militärbehörde die Zwangsverschleppten in zwei Plaue ner Kasernen und dem Fliegerhorst an der Schöpsdrehe sowie in weiteren bewachten Sammellagern unter. Aus dem teilzerstörten Stadtkrankenhaus waren in den letzten Kriegswochen mehrere Stationen ausge lagert worden, so nach Leubnitz, Mühltroff und Bad Elster. Nach dem Einzug der Amerikaner kehrten diese Abteilungen Schritt für Schritt nach Plauen zurück. Verwundete Soldaten wurden im Frühjahr 1945 in mehr als zwei Dutzend Lazaretten und Hilfslazaretten ver sorgt, die im Krankenhaus, in Schulen und Privatklini ken, aber ebenso Objekten außerhalb Plauens unter gebracht waren. Das Notlazarett Herbartschule über nahm die amerikanische Militärverwaltung am 20. April 1945 als alliiertes Hospital, in dem auch Zivilisten be handelt worden. Schulen und andere Bildungseinrichtungen blieben in der Zeit der US-amerikanischen Besatzung geschlossen. Für die Plauener Wirtschaft interessierten sich die Amerikaner eher punktuell. In der Vogtländischen Ma schinenfabrik AG (Vomag) verhörten sie leitende Mit arbeiter und beschlagnahmten Unterlagen und Bau teile. Ansonsten verfuhren die Besatzer nach der Devise, Produktion, Lieferungen und Dienstleistungen lediglich so weit sicherzustellen, dass Hunger, Krank heiten oder Unruhen gegen die Besatzer vermieden werden. Obwohl gemäß den alliierten Beschlüssen von Lon don und Jalta bereits Wochen vor Kriegsende feststand, dass Plauen der sowjetischen Besatzungszone zuge ordnet werden würde, hofften viele Plauener, angefan gen beim Oberbürgermeister, die Amerikaner würden bleiben. In diesem Sinne kam es noch am 30. Juni 1945 – am Tag des Abzugs der Amerikaner aus Plauen – zu einem Treffen zwischen Oberbürgermeister Schlotte und dem Regierungspräsidenten von Thüringen in Wei mar. Dieser versicherte dem Plauener, dass die Demar kationslinie zwischen den beiden Siegermächten ent lang der Zwickauer Mulde verlaufen und Plauen unter amerikanischer Verwaltung bleiben würde. Davon aus gehend, sprach man dort schon über tagespolitische Fragen. Zurück in Plauen, fand Schlotte völlig über rascht eine Situation vor, die alle Pläne jäh zunichte machte: Die Rote Armee zog in Plauen ein. Was der Rat haus-Chef nicht wissen konnte: Nach einem Briefwech sel zwischen Truman und Stalin Mitte Juni 1945 war der Rückzug der amerikanischen Truppen aus künftigem sowjetischem Besatzungsgebiet für die Zeit ab dem 1. Juli 1945 befohlen worden. Zur gleichen Zeit sollten die Westalliierten in Berlin die für sie bestimmten Sek toren übernehmen – so, wie es im Februar 1945 in Jalta beschlossen worden war. Besatzungswechsel und neue Rathaus-Führung Am 1. Juli 1945 zogen Einheiten des 101. Gardeschützen regiments der Roten Armee in Plauen ein. Für den 4. Juli befahl der neue Chef der Kreiskommandantur Plauen, Oberstleutnant Nikolai Komarow, Plauens Oberbürger meister Schlotte und den Landrat des Kreises Plauen Dr. Alexander Schmidt in die Kommandantur an der Neun dorfer Straße. Es ging in dieser ersten Besprechung um eine Reihe von Sofortmaßnahmen – als wichtigste die Abgabe von Waffen, die unverzügliche Wiederaufnahme der Produktion und Öffnung von Läden sowie die Regis trierung aller Offiziere und Soldaten, die nach 1939 in der Wehrmacht gedient hatten. Indes: Schlottes – und auch Schmidts – Tage im Amt waren unter den neuen Besatzern gezählt. Am 14. Juli 1945 wurden beide entlassen, dazu zwei be reits unter den Nationalsozialisten besoldete Stadt räte und der Polizeidirektor. Auf den Chefsessel im Rathaus rückte der KPDler Herbert Hensel, ein in Plauen bis dato politisch unbeschriebenes Blatt. Der gebürtige Dresdner war erst 1936 zugezogen; die Wahl fiel auf den 38-jährigen Handelsvertreter, weil die So wjets – zum Missfallen der örtlichen KPD-Leitung – an der Spitze der Stadt keinen bekannten Kommunisten sehen wollten. Diese Personalentscheidung entsprach vollkommen der strategischen Linie der neuen Macht haber, die der führende KPD-Funktionär und spätere SED-Parteichef Walter Ulbricht im Mai 1945 in dem be kannten Satz auf den Punkt gebracht hatte: »Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.« Für die zweite Reihe im Rathaus winkte die Kom mandantur ausschließlich Kommunisten und Sozialde mokraten durch. Zum Landrat wurde Richard Mildens trey (KPD) ernannt. In seinem gesamten Handeln war der
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