Leseprobe
196 Plauen im Sozialismus Jugendliche ab 14 Jahren. Zusätzlich zur 48-Stunden- Woche wurden die Bevölkerung und zum Teil auch Flüchtlinge und Umsiedler sonnabends drei bis vier und sonntags fünf bis sieben Stunden zu unentgeltlichen Trümmereinsätzen verpflichtet. Ehemalige NSDAP-Mit glieder hatten zudem an jedem Werktag drei Stunden mit Hacke und Schaufel anzutreten. Im Sommer 1945 beteiligten sich 4536 Frauen und 11 730 Männer an den Einsätzen. Als Zusatzration gab das Ernährungsamt Lebensmittelkarten für 250 Gramm Zucker heraus – mehr war nicht vorhanden zum Ver teilen. Bis Jahresende 1945 leisteten die Plauener mehr als eine Million Arbeitsstunden und schufteten dabei teilweise unter widrigsten Umständen. Viele besaßen nicht einmal mehr ein Paar Schuhe, sie wickelten die Füße in Lappen oder waren barfuß unterwegs. Versuche der Stadtverwaltung, Stiefel aus Wehrmachtsbeständen und Schuhe aus Weißenfels und aus Bayern zu organi sieren, scheiterten am »Njet« der Kommandantur. Über Jahre gehörten die Trümmerkommandos nun zum Stadtbild. Die Schuttbeseitigung erfolgte durchweg per Hand, ohne den Einsatz von Großraumtechnik. Nur zum Transport auf die zentralen Sammelstellen standen den Arbeitstrupps Bauzüge aus Lokomotiven und Kipp loren, Pferdefuhrwerke sowie vereinzelt Lkws zur Ver fügung. Einer dieser Bauzüge kam bereits 1946 bei der Beräumung des Gebietes um die Johanniskirche zum Einsatz. Die dort liegenden Schuttmassen wurden ebenso wie die vom ehemaligen Schloss, den angren zenden Straßen sowie dem Warenhaus am Schulberg und hinter der zu jener Zeit bereits abgerissenen Ruine der Knabenberufsschule an der Syrastraße abgelagert. Selbst der Altmarkt musste zeitweilig als Deponie herhalten. Der zentrale Platz Plauens wurde im Sommer 1948 wieder freigeräumt. Auf einer eigens verlegten 1,5 Kilometer langen Gleisstrecke transportierten Bau züge den Schutt zu unbebauten Grundstücken in der Hainstraße. Auch das Abbruchmaterial von umliegenden Straßen und Plätzen wurde mit der Gleisbahn aus dem Stadtzentrum befördert. Einen Schub brachte die von der Landesregierung 1949 angeordnete Sonderaktion »Arbeitskraft«, an der in Plauen zeitweilig bis zu 5000 Frauen, Männer und Jugendliche teilnahmen. Die Maßnahme endete am 28. Februar 1950, danach war etwa ein Drittel der Trümmer endgültig beseitigt worden. An wiederver wendbarem Baumaterial konnten allein in der Sonder aktion »Arbeitskraft« mehr als 16 Millionen Ziegel so wie Tausende Tonnen Nutzeisen und Schrott gewon nen werden. ③ Zwischengelagerter Schutt auf dem Plauener Altmarkt, 1948 Stadtarchiv Plauen
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