Leseprobe

197 Die Nachkriegsjahre (1945 – 1949) Ernährung, Wohnen, Soziales Mit dem Mangel umzugehen gelernt, hatten die Ämter und Behörden der Stadt bereits während des Krieges. Nunmehr jedoch stand die kommunale Administration vor Herausforderungen, die mitunter schier unlösbar erschienen. Dies traf in besonderem Maße für das Er­ nährungs-, das Wohnungs- sowie das Wohlfahrtsamt zu. Dem Ernährungsamt oblag es, Nahrungsmittel für den Handel zu beschaffen und der Bevölkerung Lebens­ mittelkarten zuzuteilen. Bloß: Woher nehmen, wenn nichts vorhanden war? Vom Landesernährungsamt in Dresden kam keine Unterstützung, die Stadt musste selbst sehen, wie sie ihre Einwohner wenigstens mit dem Allernotwendigsten versorgen konnte. Landwirtschaftlichen Erzeugern wurde ein Liefer­ soll für Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Ölfrüchte, Fleisch, Milch, Eier und Wolle vorgegeben. Ab Oktober 1945 durften Bauern ihre Überschüsse auf dem »freien Markt« am Plauener Anger verkaufen. Schwarzhandel und Schieberei blühten, Mühlen, Bäckereien, Fleische­ reien und andere Lebensmittelhersteller mussten immer gewärtig sein, dass die Polizei oder Kontrolleure des Ernährungsamts in der Tür standen. Um das Organisie­ ren und Verteilen von Nahrungsgütern kümmerte sich auch eine Konsum-Genossenschaft, die im April 1946 gegründet worden war. Der massive Mangel zwang zu strengster Lebens­ mittelrationierung; Brot, Nährmittel, Zucker, Marmelade, Kartoffeln, Fleisch, Fett, Kaffee-Ersatz und Milch gab es nur auf Karte. Die Zuteilung richtete sich ab November 1945 grundsätzlich nach dem ausgeübten Beruf. Unter­ schieden wurden sechs Gruppen: Schwerstarbeiter, Schwerarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Kinder bis 15 Jahre, sonstige Bevölkerung. Dazu kamen Teilselbstversorger und Selbstversorger. Als Selbstversorger galten Guts­ besitzer, Bauern und Arbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben. Kinder erhielten je nach Alter täglich einen Viertel- oder halben Liter Milch. Für das Leitungsperso­ nal der kommunalen Verwaltungen, Parteifunktionäre und Vorsitzende politischer Organisationen sowie Di­ rektoren wichtiger Betriebe ordnete die Sowjetische Militäradministration Sachsen (SMAS) Sonderdeputate an. Fehlten dem Ernährungsamt Lebensmittel zur Ver­ teilung, so gab es als Ersatz etwas anderes – oder eben auch einmal gar nichts. Ab Mitte August 1945 bekamen in Plauen viele Arbei­ ter einmal am Tag etwas Warmes in den Magen, nachdem die Stadt mit der Wurstfabrik Dietzsch in Netzschkau einen Vertrag über die Lieferung von Mittagessen an ört­ liche Betriebe abgeschlossen hatte. Zeitweilig kochte die Netzschkauer Großküche täglich bis zu 16000 Mahl­ zeiten für Plauen, die Portion zu 60 Pfennigen. Die katastrophale Wohnraumsituation veranlasste die Stadtverwaltung am 22. Juni 1945, ein »Ortsgesetz über die Beschaffung von Wohnraum« zu erlassen. Wohnungsbesitzer wurden verpflichtet, leerstehende beziehungsweise unterbelegte Wohnungen und Räume, in denen eine Unterbringung möglich war, zu melden. Als unterbelegt galt die Nutzung eines Raumes (außer Kü­ che, Bad, Flur, Nebenräume) durch weniger als zwei Personen. Zur Kontrolle suchten Beauftragte des Woh­ nungsamts jedes Haus in der Stadt auf. In unterbelegte Wohnungen wies das Amt, wenn nötig auch gegen den Willen des Vermieters und des Mieters, obdachlose Ein­ wohner Plauens ein. Zuzüge wurden bis auf wenige Ausnahmen – wie Bauhandwerker sowie zukünftige Angestellte des Stadt­ theaters – nur noch genehmigt, wenn der Antragsteller keinen Anspruch auf eigenen Wohnraum erhob. Angesichts der Elendszahlen vom Herbst/Winter 1945 kam es auf die paar Leute allerdings auch nicht mehr an. Ende November 1945 stapelten sich im Amt 10347 Antragsformulare auf Zuweisung von Wohnraum. Dahinter standen 28619 Personen. Noch einmal mehr als 10000 Menschen hausten als Einquartierte in »un­ terbelegten« fremden Wohnungen. Damit hatte in Plau­ en Ende 1945 nahezu jeder Zweite kein eigenes Dach über dem Kopf. Mit einer nennenswerten Entspannung der Lage rechnete in absehbarer Zeit niemand. Bis zum April 1946 waren erst etwa 6000 der rund 27300 zerstörten oder beschädigten Wohnungen recht und schlecht instand­ gesetzt worden. Vor allem kämpfte das Stadtbauamt mit Materialnot und fehlenden Transportkapazitäten. Im ersten Quartal 1947 erteilte es ganze 113 Genehmigun­ gen für Neubauten mit Wohnungen, im gleichen Zeit­ raum des folgenden Jahres gar nur 21. Ende 1948 such­ ten in der Stadt 11685 Familien eine Wohnung. Vier Jahre nach Kriegsende lebte in Plauen jede Person auf durch­ schnittlich 7,16 Quadratmetern Wohnfläche – da blieben die eigenen vier Wände für viele ein noch auf längere Sicht unerfüllbarer Traum. Nach Kriegsende hatte die Hilfsbedürftigkeit der Zivilbevölkerung ein bis dahin unbekanntes Ausmaß er­ reicht. Im September 1945 erhielten über 13 Prozent der Plauener Fürsorgezuwendungen, in den folgenden Mo­ naten pegelte sich der Anteil der Unterstützungsemp­ fänger auf um die zehn Prozent ein. Ein Ehepaar mit zwei Kindern hatte Ende 1945 Anspruch auf 39,40 Reichsmark monatlich, Bewohnern von Altenheimen zahlte das Wohlfahrtsamt im Monat eine Mark Taschen­ geld aus. Mietbeihilfen wurden komplett gestrichen, die Sätze der Kriegerfürsorge gekürzt. ④ Essen auf Marken: Im Novem- ber 1945 standen einem Angestellten als Tagesration 300 Gramm Brot, 20 Gramm Nährmittel (ersatzweise Fett), 25 Gramm Fleisch, 33 Gramm Marmelade und 20 Gramm Zucker zu. Außerdem hatte jeder Erwachsene Anspruch auf 125 Gramm Quark, 125 Gramm Kaffee-Ersatz und 400 Gramm Salz im Monat. Andreas Krone

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